Irgendeine sündige Leidenschaft

Pfr. Martin Dubberke
Bildrechte Martin Dubberke

Liebe Geschwister, wenn man die drei Worte „irgendeine sündige Leidenschaft“ hört, denkt man doch sofort an recht lustvolle Dinge. Also, zumindest mir geht es so. Da schwingt mit, dass sündige Leidenschaften recht lustvoll sind und man deshalb sehr schwer von ihnen lassen kann, weil sie doch auch Ausdruck eines leidenschaftlichen Lebens sein können, weil sie etwas sind, was mich bindet.

Wenn es um „leidenschaftlich leben“ geht, dann geht es auch um Leben in der Nachfolge Jesu Christi, geht es um unseren Glauben, geht es – wie Bonhoeffer sagt – um die Feststellung:

„Nur der Glaubende ist gehorsam, und nur der Gehorsame glaubt.“ (DBW 4, 52)

Die drei Worte „irgendeine sündige Leidenschaft“ stammen aus Dietrich Bonhoeffers Buch „Nachfolge“. Ein spannendes, aufregendes und vor allem inspirierendes Werk, wenn es darum geht, was uns bindet, was uns hindert Jesus wirklich nachzufolgen. Wir haben es gerade gehört, als Ilse Göhmann aus dem Lukas-Evangelium vorgelesen hat. Jesus ruft Menschen in seine Nachfolge. Aber nicht alle folgen ihm so bedingungslos wie Petrus und die anderen elf Jünger. Lukas erzählt, was uns alles hindern kann, dem Ruf Jesu zu folgen, z.B. unsere eigene Bequemlichkeit, die uns in unseren vier Wänden, unserem Beruf geboten wird, ein anderer will seinen Vater noch begraben und ein anderer will sich noch von den Seinen verabschieden. Die Reaktion Jesu darauf klingt in unseren Ohren schon fast hartherzig, aber sie hält uns vor Augen, was es wirklich bedeutet, dem Ruf Jesu zu folgen, nämlich komplett sein altes Leben hinter sich zu lassen. Der Gewinn ist dann die Sicherheit und Verbindlichkeit der Gemeinschaft mit Jesus Christus.

Ich lese mal die Stelle „irgendeine sündige Leidenschaft“ im Kontext vor:

Du beklagst dich darüber, daß du nicht glauben kannst? Es darf sich keiner wundern, wenn er nicht zum Glauben kommt, solange er sich an irgendeiner Stelle in wissentlichem Ungehorsam dem Gebot Jesu widersetzt oder entzieht. Du willst IRGENDEINE SÜNDIGE LEIDENSCHAFT, eine Feindschaft, eine Hoffnung, deine Lebenspläne, deine Vernunft nicht dem Gebot Jesu unterwerfen? Wundere dich nicht, daß du den heiligen Geist nicht empfängst, daß du nicht beten kannst, daß dein Gebet um den Glauben leer bleibt! Gehe vielmehr hin und versöhne dich mit deinem Bruder, laß von der Sünde, die dich gefangenhält, und du wirst wieder glauben können! Willst du Gottes gebietendes Wort ausschlagen, so wirst du auch sein gnädiges Wort nicht empfangen. Wie solltest du die Gemeinschaft dessen finden, dem du dich wissentlich an irgendeiner Stelle entziehst? Der Ungehorsame kann nicht glauben, nur der Gehorsame glaubt. (DBW 4, 56-57)

Bonhoeffer sagt sogar:

„Hier wird der gnädige Ruf Jesu Christi in die Nachfolge zum harten Gesetz: Tue dies! Laß jenes!“ (DBW 4, 57)

Es geht also, um die Frage, was uns bindet, um leidenschaftlich Jesus nachfolgen zu können, leidenschaftlich zu leben.

Bonhoeffer nennt uns Beispiele solcher Bindung: Du willst eine Feindschaft nicht dem Gebot Jesu unterwerfen?

Das ist eine feststellende Frage. Feindschaften sind ungeheuer feste Bindungen. Jeder in unserem Leben kennt Feindschaften, hat vielleicht sogar Feindschaften und weiß daher auch um ihre emotionale Bindekraft, wie schwierig es ist, von dieser Feindschaft zu lassen, welche emotionalen Massaker damit verbunden sein können. Und wir erleben es seit gut einem halben Jahr, welche Auswirkungen politische Feindschaften haben. Stellen wir uns nur einmal vor, was sich ändern würde, unterwürfe man diese Feindschaft dem Gebot Jesu? Ich weiß nicht, ob sein Handeln politischer oder christlicher Vernunft folgte, aber Michail Gorbatschow, der gestern zu Grabe getragen wurde, hat uns deutlich gemacht, was es bedeutet, Feindschaft aufzukündigen. Das wurde für zig Millionen Menschen spürbar und erlebbar.

Ein anderes Beispiel Bonhoeffers sind meine eigenen Lebenspläne. Was passiert, wenn ich diese dem Gebot Jesu unterwerfe?

Wir alle haben Lebenspläne. Aber wie sklavisch haben wir an ihnen festgehalten? Wie zwanghaft mussten wir sie im Rahmen eines Zeitplans umsetzen? Wie oft sind unsere Lebenspläne gescheitert, weil wir uns verkrampft haben, in sie verbissen haben? Ich kenne viele solcher Geschichten, in denen Menschen Opfer ihrer eigenen Lebenspläne geworden sind, weil sie sich nicht so umsetzen ließen, wie sie es einst geplant hatten. Der Mensch denkt, aber Gott lenkt. Was passiert, wenn ich mich diesem Lenken nicht anvertrauen möchte.

Ich habe auch so einen Lebensplan gehabt, an dem ich festgehalten habe. Ich wollte nämlich unbedingt Pfarrer werden. Aber als ich mit meinem Vikariat fertig war, sah die kirchliche Realität so gänzlich anders aus. Die Berliner Kirche brauchte uns nicht und schickte nahezu alle von uns in die Arbeitslosigkeit fern jeder kirchlichen Berufsperspektive. Da stand ich nun mit meinem Lebensplan mit einem Male ziemlich verloren und orientierungslos da. Was sollte ich denn jetzt mit meinem Leben machen? Meine ganze Existenz hing daran. Ich hatte doch nur das eine gelernt, womit sollte ich nun meinen Lebensunterhalt verdienen. Alles verloren, weil ich unbedingt auch in meinem Beruf Jesus folgen wollte.

Es brauchte eine Weile, bis ich mich von diesem existentiellen Schock erholt hatte. Und der Moment der Erholung setzte in dem Moment ein, als ich erkannte, dass es nicht darum geht, meinen Lebensplan umzusetzen, sondern meinen Lebensplan, also mein Leben Jesus zu unterwerfen. „Unterwerfen“ ist schon ein sehr hartes Wort, aber es meint auch, demütig zu werden. Ich gab meinen Lebensplan und damit mich selbst noch einmal ganz anders in Jesu Hände und vertraute mich Jesus an, erfüllt von der Neugier, was er nun mit mir vorhat, was er für mich bereithalten wird.

Und ich bin mir sicher: Hätte ich mich nicht auf ihn eingelassen, hätte ich heute nicht so ein erfülltes Leben. Dann hätte ich nicht meine Frau kennen- und lieben gelernt, hätte nicht meine beiden Söhne, hätte ich nicht eine so spannende und mich bereichernde Berufsbiographie, mit der ich am Ende doch am Ziel meines Lebensplans angekommen bin, nämlich Pfarrer zu sein. Ich bin da angekommen, weil ich meinen Lebensplan dem Gebot Jesu unterworfen habe. Und so geht es mir heute noch mit vielen Entscheidungen, die ich treffe, dass ich sie aus dieser Erfahrung heraus treffe.

Und auf der anderen Seite habe ich viele Menschen in meinem Leben getroffen, denen das nicht gelingt, die Gefangene ihrer eigenen Biographie sind. Ich denke hier an einen Mann, den ich schon seit einer Weile seelsorgerlich begleite. Er ist so alt wie ich. Also, kurz vor Sechzig oder eben Ende Fünfzig. Dieser Mann ist gefangen in seiner Biographie, dem Vater, der ihm alles verwehrt hat, der ihm auch den Beruf vorgeschrieben hat, der für ihn auch heute noch schuld an der Misere seines Lebens ist. Wenn er glauben könnte, müsste er alle diese alten Bindungen verlassen, die ihn daran hindern, zu leben. Vielleicht war es ja Jesus selbst, der diesen Mann, der Atheist ist, vor einer Weile an meine Tür geführt hat, damit er einen anderen Weg in seinem Leben erkennen kann? Der Mann hat eine ungeheure Sehnsucht nach einem gelingenden Leben. Er möchte gerne so leidenschaftlich leben, aber es gelingt ihm nicht, weil er sich aus dieser alten, feindschaftlichen Bindung seinem Vater gegenüber nicht lösen kann. Und das, obwohl dieser schon so lange tot ist. Dennoch hat er noch immer Macht über ihn, weil er ihm diese Macht gelassen hat, denn sie bietet ihm leider Sicherheit, die Sicherheit auch mit Ende fünfzig und damit bald sechzig noch immer nicht für das eigene Leben verantwortlich zu sein zu müssen, sondern stets andere für seine eigene Misere verantwortlich zu machen, für sein Scheitern im Leben, in dem er auch für seine Kinder keine Verantwortung übernommen hat, weil er für sein eigenes Leben keine Verantwortung übernehmen konnte und auch noch nicht kann. Statt leidenschaftlich zu leben, leidet er leidenschaftlich. Was könnte sich für sein Leben alles ändern, wenn es ihm gelänge, sein Leben dem Gebot Jesu zu unterwerfen, sich ihm anzuvertrauen?

Wie geht es Euch? Wo seid Ihr gebunden? Wo geht es uns selbst so, wie dem reichen Jüngling, der Jesus fragt, wie er das ewige Leben erlangen könne? Jesus nennt ihm sofort die Erfüllung der zehn Gebote. Aber das befriedigt den jungen Mann nicht. Das täte er ja schon alles. Er will wissen, was er noch machen könnte, was da noch fehlen würde. Und Jesus antwortet nur noch, dass er alles, was er habe, verkaufen solle, um so einen Schatz im Himmel zu haben, und, dass er ihm folgen solle. Der Jüngling konnte ihm nicht folgen, weil er sich nicht lösen konnte.

Wir leben in einer Welt, in der sich die Menschen nicht lösen können, weder wir selbst noch die Politiker, die wir für alles verantwortlich machen. Wir sind nicht nur – wie der reiche Jüngling – durch unsere Beziehungen und den Besitz gebunden, sondern viel stärker noch durch unsere Vorstellungen, Gedanken und Ideologien.

„Nachfolge ist die Bindung an Christus; weil Christus ist, darum muss Nachfolge sein.“ (DBW 4,47)

Ist Euch vielleicht aufgefallen, dass wir in diesem Gottesdienst nicht das Glaubensbekenntnis gesprochen haben? Als ich in dem liturgischen Ablauf, den ich von meinem Kollegen für diesen Gottesdienst bekommen habe, gesehen habe, dass auf das Glaubensbekenntnis verzichtet wird, war ich recht irritiert. Aber dann wurde mir klar, dass Nachfolge nicht das gesprochene Bekenntnis des Glaubens an Jesus ist, sondern das gehorsame Tun das eigentliche Bekenntnis ist.

Jesus ruft uns auch heute noch in seine Nachfolge. Nur ist es heute schwieriger für uns geworden, ihn zu erkennen als vor zweitausend Jahren, als er noch in Fleisch und Blut war, wenn er vor einem stand und sagte: „Folge mir nach!“

Das „Folge mir nach!“ kann uns an so vielen Orten erreichen, im Gottesdienst, in einer leeren Kirche, auf dem Berg oder wenn uns Jesus an die Tür eines Pfarrhauses führt und dort klingeln lässt. Und ihm zu folgen, ist am Ende immer unsere eigene Entscheidung verbunden mit allen damit verbundenen Konsequenzen. Auch das hat Jesus Christus deutlich gemacht.

So, und nun macht was draus ;-)

Amen.

Pfarrer Martin Dubberke, Predigt am 12. Sonntag nach Trinitatis, 4. September 2022, in der Christuskirche zu Oberammergau im Rahmen der Sommerpredigtreihe „Leidenschaft Leben“

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