Predigt - Gib uns Frieden jeden Tag

Pfr. Martin Dubberke vor der Johanneskirche in Partenkirchen
Bildrechte: Martin Dubberke

Liebe Geschwister, ich selbst habe nie einen Krieg erlebt, habe nie die Ängste durchlitten, wenn Bomben vom Himmel fallen, habe nie die Angst gehabt, unter den Trümmern des Hauses, in dem ich wohne, begraben zu werden.

Ich habe nie das Kriegstrauma gehabt, wie es meine Eltern hatten und haben. Ich musste nie die Frage stellen: „Gott, warum habe ausgerechnet ich überlebt?“

Ich bin Kind von zwei Kriegskindern. Ich kenne die Geschichten, die meine Eltern erzählt haben, von der Schlacht um Berlin, die mein Vater als einer von zweien aus seiner Klasse überlebt hat, der Flucht aus Ostpreußen meiner Mutter, der gestohlenen Kindheit und Jugend, des Schwurs und der Hoffnung: Nie wieder!

Meine Mutter, die aus Ostpreußen geflohen ist und ihre Heimat verloren hat, sagte mir dieser Tage: „Vati hat immer gesagt, sie hätten gelernt. Es würde keinen Krieg mehr in Europa geben. Ich hätte nie geglaubt, dass ich noch einmal in meinem Leben einen Krieg in Europa erleben müsste.“ – Und wir wissen nicht, welche Sorgen und Ängste unausgesprochen bleiben aus Angst, sie könnten sich bewahrheiten.

Ich habe nie einen Krieg am eigenen Leibe und der eigenen Seele erlebt. Ich habe nie vor der Frage gestanden, eine Waffe in die Hand nehmen zu müssen und wie meine Großväter andere Menschen töten zu müssen, um am Leben zu bleiben und damit leben zu müssen, anderen Menschen die Zukunft genommen zu haben und sei es nur für einige Stunden, weil dann ein anderer mit seiner Waffe vor mit gestanden haben könnte, um seine Zukunft zu retten.

Ich bin Gott dankbar dafür, dass er mich bis zum heutigen Tage nicht vor diese Entscheidung gestellt hat.

Die Menschen in der Ukraine sind seit 25 Tagen vor diese Entscheidung gestellt und unter uns leben nun Menschen, die genau das erlebt haben, gesehen haben, was wir – die meisten von uns – nicht in ihrem Leben gesehen und erlebt haben: Die Angst um das eigene Leben, das Leben der Kinder, der Eltern, des Ehepartners, des geliebten Menschen. Das zerstörte Zuhause. Die Trennung oder gar den Verlust von Menschen, die sie lieben, die Trennung von ihren Männern und Vätern, von ihren Familien, die Angst, sich nie wieder zu sehen. Und wenn es ein Wiedersehen geben sollte, wie es dann den anderen verändert haben mag.

Ich denke an die Kinder, die all das erlebt haben und erleben, die es nicht verarbeiten können, deren Seelen auf Dauer davon geprägt sein werden, weil es einem einzigen Mann nicht gefällt, dass ein Land in Freiheit lebt und den beschrittenen Weg der Demokratie weitergehen will und nun gezwungen wird, zu töten, um zu leben, genauso, wie ein russisches Heer gezwungen und dazu missbraucht wird, zu töten und zu zerstören, weil es einem kleingewachsenen Mann im Kreml so gefällt.

Am Freitag als die erste ukrainische Mutter mit ihren beiden Töchtern und ihren Papieren bei uns an der Johanneskirche zur Tafel kamen, sah ich drei erschöpfte Menschen, verunsichert, abwartend, was nun auf sie zukommen würde. Kein Wort Englisch. Wie dankbar waren wir, dass Irina schon so viele Jahre zum Team der Tafel gehört und gedolmetscht hat. Die Augen, dieser Frau und ihrer Töchter, den Blick werde ich wohl lange nicht vergessen. Und ich fragte mich, ob diese Drei jemals wieder würden lachen können.

Und noch am gleichen Freitag hält dieser Mann aus dem Kreml, der das alles zu verantworten hat, eine Sportpalastrede im größten Moskauer Sportstadion, bei der mir das Blut in den Adern gefriert, als er Johannes 15,13 in seiner Rede zitiert und damit sein Morden, seine Kriegsverbrechen legitimiert: «Es gibt keine größere Liebe, als wenn man sein Leben für seine Freunde hingibt.» Das ist Blasphemie.

Und dieser Krieg zieht weite Kreise, wie ein Stein, der ins Wasser fällt. Wir erleben es an den Flüchtlingen, die nun unter uns leben. Wir erleben es, an den Tankstellen, aber wir erleben es auch im Supermarkt, wenn wir Mazola oder Sonnenblumenöl kaufen wollen. Die Menschen hamstern wieder. Ein Symptom. Doch dieses Mal weist dieses Symptom auf etwas hin, was nicht so lächerlich ist, wie das Hamstern von Toilettenpapier am Anfang der Pandemie, sondern auf eine drohende Hungerkatastrophe. Der Angriff auf die Ukraine in Verbindung mit dem vom Mann im Kreml dieser Tage erlassenen Exportstopp von Weizen, wird fatale Auswirkungen auf Afrika, den Nahen Osten bis hin nach Pakistan haben. Es gibt jetzt schon Berechnungen des Bonner Zentrums für Entwicklungsforschung, die davon ausgehen, dass es bis zu 100 Millionen mehr Hungernde geben wird. Gleichzeitig werden von der russischen Marine Getreidefrachter im Schwarzen Meer blockiert, mit Raketen beschossen, versenkt, wodurch die Preise in die Höhe getrieben werden. Die sich daraus ergebende Hungersnot wird den Migrationsdruck auf Europa erhöhen, so dass wir perspektivisch einer weiteren Flüchtlingskrise entgegengehen werden, die wir in Europa zu stemmen haben werden, weil ein Mensch ein Land angegriffen hat. Unsere Nächstenliebe, unser Leben, unsere Gesellschaft stehen vor großen Herausforderungen, in denen unser Glaube die Richtschnur unseres Handelns sein muss und nicht unser Hemd.

An dieser Stelle dürfen wir uns an Elia erinnern, um den es ja eigentlich heute gehen sollte. Elia kehrte zu Zeiten der Dürre bei einer Witwe ein, die ihre letzte Ration Mehl und Öl zubereitet und mit ihm teilt. Durch Gottes Segen wurde dann der Vorrat der Witwe immer wieder aufs Neue aufgefüllt. Auf dem Teilen des Letzten liegt Gottes Segen.

Als Protestant glaube ich nicht wirklich an die Hölle, aber in diesen Tagen gibt es viele Momente, in denen ich mir manchmal doch wünsche, dass es sie gibt und besagter Mann darin schmoren möge, auch wenn ich als Pfarrer und vor allem Christenmensch nicht richten sollte, denn nur allein Gott gehört dieses Recht. Denken wir an das, was Paulus den Römern einst ins Stammbuch geschrieben hat:

Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«

Römer 12,19

Es ist unsere Herausforderung als Christenmenschen, anzuerkennen, dass die Rache Sache Gottes ist und nicht des Menschen.

Und genau deshalb beten und singen wir immer wieder ein Gebet, das dem Heiligen Franziskus zugeschrieben wird:

Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,
dass ich liebe, wo man hasst;
dass ich verzeihe, wo man beleidigt;
dass ich verbinde, wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;
dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht;
dass ich Hoffnung wecke,
wo Verzweiflung quält;
dass ich Licht entzünde,
wo Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe,
wo der Kummer wohnt.
Herr, lass mich trachten,
nicht, dass ich getröstet werde,
sondern dass ich tröste;
nicht, dass ich verstanden werde,
sondern dass ich verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde,
sondern dass ich liebe.
Denn wer sich hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer stirbt,
der erwacht zum ewigen Leben.

Unsere Zeit ruft uns mehr denn je in die Nachfolge Christi:

So ahmt nun Gott nach als geliebte Kinder und wandelt in der Liebe,
wie auch Christus uns geliebt hat.

Epheser 5, 1-2a

Und damit komme ich nun ganz zum Schluss der Predigt endlich beim Predigttext an, beim Propheten Elia. Er verkündete in einer Zeit, in der man in seinem Land dem Baal von Tyrus huldigte und diente, eine Zeit der Dürre. Er prophezeite, was passieren würde, wenn man von Gott abfällt und den Götzen dient, den Fakenews mehr vertraut als der Botschaft des Gottes, der die Zehn Gebote gegeben hatte, der das Volk aus der Knechtschaft geführt hatte. So ein Prophet war gefährlich. Der konnte ein System sprengen, die Macht des Mächtigen gefährden.

Das ist ein wenig so, wie ein großes Volk, das sich auf den Weg der Demokratie begibt und damit für andere ein Vorbild dafür werden könnte, einen Autokraten zu vertreiben. Botschaften der Freiheit sind gefährlich für ängstliche Despoten, denn ein Despot bezieht seine Macht aus der Abwehr seiner Ohnmacht. Und so ist jede Unterdrückung die Abwehr von Ohnmacht. Wehe, wenn jemand kommt der ihn in Frage stellt. Elia hat das getan. Und deshalb hat der herrschende König Ahab ihn überall suchen lassen, um ihn umzubringen.

Am Karmel kam es dann schließlich zur Machtprobe zwischen Elia und Ahab. Elia tritt bei dieser gegen 450 Baalspropheten und 400 Propheten des Heiligen Pfahls der Aschera an. Es ging darum, dass die Vertreter der verschiedenen Götter je einen Stier zerteilen und auf Holz legen sollten und das Holz vom Gott der jeweiligen Propheten entfacht werden sollte. Tja, ein Prophet gegen eine Übermacht von 850 Propheten.

Und? Was ist passiert? Die Götter dieser 850 Propheten entzündeten nicht das Holz, einzig der Gott Elias brachte das Holz unter dem Stier zum Brennen. Damit hat Elia die Machtprobe gewonnen. In dem Moment erkennt das Volk, dass die anderen Propheten nur Scharlatane sind. Auf Anweisung Elias tötet nun das Volk die Propheten und die Dürre ist beendet. Und dennoch muss Elia aus Israel fliehen, weil Isebel, die Frau des Ahab, seinen Kopf will. Und hier setzt nun unser Predigttext ein. Elia flieht in die Wüste und betet zu Gott:

Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.

Und was passiert dann? Wird Gott Elias Wunsch erfüllen? Wird er ihm, der verfolgt wird, dem nach dem Leben getrachtet wird, der der Staatsfeind Nr. 1 ist, den Wunsch erfüllen und ihn vom Leben befreien? Erst einmal schickt er ihm einen Engel und päppelt ihn wieder auf und dann kommt die für mich zentrale Stelle:

Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR ging vorüber. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. 1. 

Könige 19, 11-13a

Gott kommt nicht in den großen Gesten, die wir uns vielleicht immer wieder wünschen, dem großen Knall, der Naturkatastrophe, sondern in einem stillen, sanften Sausen. Und ich denke, dass wir genau auf dieses stille, sanfte Sausen achten müssen, wir viel sensibler und aufmerksamer werden müssen. Und wir dürfen unsere Demut wiederentdecken. Weder der starke Wind noch das Erdbeben noch das Feuer beeindruckten Elia, sondern das stille, sanfte Sausen, in dem Gott war.

Gott hatte sich Elia gezeigt, so gezeigt, dass er ihn gespürt hat. Das hat Elia den Rücken gestärkt. Gott hat Elia in seiner Not gesehen und überraschend anders erhört. Und genau das erinnert mich an den Psalm, der diesem Sonntag Okuli seinen Namen gegeben hat:

Die Augen des HERRN
merken auf die Gerechten
und seine Ohren auf ihr Schreien.

Psalm 34, 16

Ich persönlich kann dem Mann im Kreml, diesem Blutvergießen, dieser Zerstörung nichts anderes entgegensetzen als das Gebet, weil Gott zugesagt hat, die Gerechten im Blick zu haben und ihr Schreien, ihr Beten zu hören. Lasst uns also nicht müde werden, kraftvoll und andauernd für den Frieden zu beten.

Amen.

Pfarrer Martin Dubberke, Predigt am Sonntag Okuli, 20. März 2022, über 1. Könige 19, 1-13a, Perikopenreihe IV in der Christuskirche zu Garmisch und der Erlöserkirche zu Grainau

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Wochenpsalm: Ps 98
Eingangspsalm: Ps 98
AT-Lesung: 1. Sam 16,14–23
Epistel: Kol 3,12–17
Predigttext: Kol 3,12–17
Evangelium: Lk 19,37–40
Wochenlied: Du meine Seele, singe (EG 302)
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Ich sing dir mein Lied (EGE 19)
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