Dieser anarchische, wilde Glaube

Als ich einer alten Dame die Hand reiche und „Frohe Ostern“ wünsche, sieht sie mich kritisch an: „Wie kann dieses Ostern froh sein, wo doch wieder Krieg herrscht in Europa?!“ schleudert sie mir entgegen und erzählt, wie sehr die Bilder aus der Ukraine sie belasten und deprimieren. Längst verschüttete Kindheitserinnerungen werden wach: an zerbombte Städte, verzweifelte Menschen, Todesangst im Bunker. Was in unserem Land so lang zurück liegt, ist in Kiew und Charkiw bittere Realität. Tag für Tag. Auch an diesem Osterfest. Die Dame hat recht: Das ist alles andere als froh.

Wenn ich an die Ostergeschichte der Bibel denke, wird mir freilich bewusst: Da geht es um mehr als um Frühlingsgefühle, Blumenschmuck und Schokoeier. Ostern ist nämlich nicht zu haben ohne Karfreitag. Christus hat Verrat, Spott, Folterqualen und den Tod erlebt und bitter durchlitten. „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ ruft er am Kreuz, hoffnungslos verzweifelt. Ins „Reich des Todes“ ist er hinabgestiegen, ins tiefste menschliche Elend. Dadurch ist er all denen nah, deren Leben sich im Finstern, im Grauen, in Angst und Trauer abspielt. Christus ist bei ihnen. Er kennt ihr Leid und teilt es. Sein Weg geht dann freilich weiter: „Am dritten Tage auferstanden von den Toten“ ist er, so bekennt es die Christenheit von Anfang an. Das heißt doch: Angst, Qual und das Sterben bleiben nicht die letztgültige Realität. Gott ist am Ende mächtiger als der Tod. Und mächtiger als alle weltlichen Herrscher, die meinen, ihre Macht mit grausamer Gewalt durchsetzen zu können. Seit Christi Auferstehung ist der Tod ist kein Punkt mehr hinter einem Leben. Der Ostermorgen macht aus dem Punkt einen Doppelpunkt, hinter dem es ganz neu und anders weitergeht. „Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden!“ Dieser Ruf der frühen Christenheit, dieser anarchische, wilde Glaube, schenkt Menschen bis heute eine tiefe Hoffnung. Deshalb können und sollten wir gerade in diesen finsteren, belastenden Tagen das Fest der Auferstehung feiern. Bewusst, trotzig und kraftvoll zugleich.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen von Herzen Frohe Ostern!

Ihre
Pfarrerin Uli Wilhelm

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Aktueller Feiertag:

18.09.2022 14. So. n. Trinitatis

Wochenspruch: Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. (Ps 103,2)
Wochenpsalm: Ps 146
Eingangspsalm: Ps 146
AT-Lesung: 1. Mose 28,10–19a(19b–22)
Epistel: Röm 8,14–17
Predigttext: Jes 12,1–6
Evangelium: Lk 17,11–19
Wochenlied: Danket dem Herrn! Wir danken dem Herrn (EG 333)
oder
Lobe den Herrn, meine Seele (EGE 14)
Liturgische Farbe: Grün


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