Im Rhythmus von Zeitkreisen

Jesu Taufe am Jordan | Bildausschnitt Kirchenfenster Johanneskirche Partenkirchen
Bildrechte: Martin Dubberke

Jeder spricht von ihr, sie umgibt uns und ist überall. Sie verleiht nicht nur unserem Leben Struktur und Rhythmus, sondern schenkt auch dem evangelischen Kirchenjahr ein Grundgerüst. Doch so selbstverständlich sie scheint, lässt sie sich trotzdem nicht so recht greifen oder leicht beschreiben: die Zeit. Das Christentum hat die Zeit genau strukturiert und prägt damit bis heute unseren Lebensrhythmus. Während auf den ersten Blick völlig klar zu sein scheint, was Zeit ist, wie sie gemessen und in unserem Alltag gebraucht wird, wird jedoch bei näherer Betrachtung deutlich, dass das Phänomen „Zeit“ komplexer und vielschichtiger ist als zunächst angenommen. Das heutige evangelische Kirchenjahr ist ein reiz- und spannungsvolles Kunstwerk und bildet ein den Zeitraum des Jahres konstituierendes Gefüge.


Es lässt Zeit als kollektiv gelebte Zeit erfahr- und spürbar werden, gibt Lebensthemen im Horizont des christlichen Glaubens einen bestimmten Zeitraum und rhythmisiert auf spezielle Art und Weise somit unser Jahr. Durch das stetige Vorhandensein von biblischen Bezügen werden uns auf diese Weise zentrale Glaubensinhalte zugänglich. Es führt uns das Erlösungswerk Christi in seinen bedeutenden Einzelheiten vor, wie es sich historisch in der Menschwerdung des Sohnes Gottes und seines Erdenlebens vollzogen hat. Diese Geschehnisse der Vergangenheit erscheinen in den Feiern des Kirchenjahres, die sich wiederrum unterschiedlichen Zeitkreisen zuordnen lassen, als lebendige Wirklichkeit vor uns. Im Kirchenjahr bewegen sich heute unterschiedlich motivierte und zum Teil auch miteinander konkurrierende Zeitkreise. Neben dem Weihnachtsfestkreis und dem Festkreis der Heiligenfeste, findet sich der Osterfestkreis. Er geht von dem am Mondzyklus ausgerichteten Osterfest aus und reicht von der vorösterlichen Bußzeit bis hin zu Pfingsten. Der Zeitkreis orientiert sich am jüdischen Passa und bildet damit einen großen Schwerpunkt im Kirchenjahr. Ebenso wie der Weihnachtsfestkreis lässt sich der Osterfestkreis durch die Rahmung des Osterfestes mit einer vorangehenden und nachfolgenden Festzeit insgesamt in drei Teile gliedern. Die vierzigtägige Vorbereitung auf das Osterfest, in der evangelischen Kirche Passionszeit genannt, wird durch durch den Aschermittwoch eingeleitet und endet mit dem Karsamstag. Dieser Fastenzeit ist mit den drei Sonntagen vor der Passionszeit gewissermaßen eine kurze Vorfas- tenzeit vorangestellt. Die sechs Sonntage der Passionszeit, hierbei vor allem Palm- sonntag, Gründonnerstag und Karfreitag seien als einzelne Festtage nochmal her- vorgehoben, da sie im Laufe der Zeit besondere Bedeutung erlangt haben. An- schließend beginnt mit dem Osterfest die fünfzigtägige österliche Freudenzeit, die über die sechs Sonntage nach Ostern und Christi Himmelfahrt bis zum Pfingstfest reicht. Die Grundstruktur des Kirchenjahres verbindet den lunar- beweglichen Osterfestkreis mit dem solar-unbeweglichen Weihnachtsfestkreis auf der Matrix des weder lunar noch solar bestimmten Wochenzyklus. Daraus resultiert, dass einige Festtage und Festzeiten an einen konkreten Termin gebunden sind, während andere hingegen, insbesondere das Osterfest und die daran orientierten Feste und Festzeiten, in jedem Jahr auf ein anderes Datum fallen können. Als christliche Feste mit einem festen Datum können zum Beispiel Weihnachten, Epiphanias oder auch der Refor- mationstag gezählt werden. Als jährlich verschieden datierte Feste und Festzeiten gelten hingegen Christi Himmelfahrt, Pfingsten oder die Trinitatiszeit. Daher muss der christliche Festkalender jährlich neu organisiert werden. Das Kirchenjahr zeigt sich damit als ein Konstrukt aus recht unterschiedlichen Motiven und Traditionen, die sich gerade nicht auf eine Einheit oder Uniformität bringen lassen, sondern einander in ergänzender, präzisierender und korrigierender Weise zugeordnet sind. Damit wird der Aufbau des Kirchenjahres zum Ausdruck und zur Darstellung einer Vielfalt von Traditionskomplexen.

Augustine Meier

Gemeindebrief "neue wege wagen" im Frühling 2022

Augustine Meier
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Augustine Meier ist Mitglied der Gemeinderedaktion. Sie ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Lehrstuhl für Religionspädagogik und Didaktik des evangelischen Religionsunterrichts an der FAU Erlangen-Nürnberg.