Was für eine Geschichte, diese Ostergeschichte!

Pfauenauge in der Erlöserkirche zu Grainau
Bildrechte: Martin Dubberke

Liebe Gemeinde! Haben Sie den letzten Satz aus der Ostergeschichte gehört? Die Frauen sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich. Das erste Ostern war also erst mal offenbar gar nichts besonders Tolles. Ein Ereignis zum Fürchten eher. Den Frauen ist es unheimlich, dass der tote Jesus nicht mehr im Grab liegt. Das kann, das darf doch nicht wahr sein! Und dann dieser seltsame weiß gekleidete Jüngling, der etwas daherredet von Auferstehung?! Das ist schon was zum Zittern und Entsetzen! Wenn das ganze Weltbild auf den Kopf gestellt wird. Wenn nichts mehr so ist, wie man es erwartet hat. Wenn alles zusammenbricht.

Zittern und Entsetzen haben viele in den letzten Wochen ergriffen. Die Menschen in der Ukraine, die täglich bedroht werden, die ausharren in den zerbombten Städten oder kämpfen. Die ehemaligen Konfirmanden meines Kollegen Pfr. Sachi aus Oberammergau. Sechs Jahre lang war er in Kiew. Die evangelische Schule, die er dort aufgebaut und eingeweiht hatte, ist inzwischen nur noch ein Trümmerhaufen. Zittern und Entsetzen auch bei denen, die geflohen sind und jetzt bangen um das Leben ihrer Männer, ihrer Väter und Großväter und die nicht wissen, wie es weitergeht, ob sie jemals zurückkehren können in ihre Heimat? Zittern und Entsetzen bei alten Menschen hier bei uns, bei denen längst verschüttete Kriegstraumata wieder wach werden in diesen Tagen. Zittern und Entsetzen auch bei den russischen Oppositionellen, bei den Menschen, die der täglichen Propaganda nicht auf den Leim gehen und den Krieg beim Namen nennen. Tausende sind verhaftet und mundtot gemacht worden. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich. Auch dieser Satz aus der Ostergeschichte des Markus ist bittere Realität in diesen Tagen.

Verschweigen, Gerüchte, Verwechslungen und Fake News. All das gab es auch beim ersten Ostern: Als Maria Magdalena dem Auferstandenen begegnet, hält sie ihn für den Gärtner. Die Jünger glauben, Jesus sei ein Geist und erschrecken. Zwei andere erkennen ihn nicht, obwohl er einen weiten Weg mit ihnen wandert. Und diejenigen Jünger, die nachher von der Auferstehung erzählen, werden von ihren eigenen Freunden verdächtigt, betrunken zu sein. Oder vollkommen übergeschnappt.

Was für eine Geschichte, diese Ostergeschichte!

Sie pendelt zwischen Sorge und Panik, zwischen Furcht und Zittern, zwischen Verstummen und blankem Entsetzen. Es ist an Ostern auch nicht anders wie bei dem, was uns die Bibel von Weihnachten erzählt: Nichts ist es mit Idylle. Kein Glitter, kein Glanz, kein Pomp. Weder Schokohasen noch Blümchentischdecken. Die harte Realität schlägt voll durch. Doch genau das ist es in meinen Augen, was die Geschichte letztendlich so glaubwürdig macht.

Aber der Reihe nach: Drei Frauen machen sich auf, um das zu tun, was zu tun ist nach einem Tod. Sie besorgen Öl und gehen zum Grab des geliebten Freundes, um dessen Leichnam einzubalsamieren. Unterwegs grübeln die drei, wer ihnen den Stein wegwälzen könnte, mit dem man das Höhlengrab verschlossen hatte. Die starken Männer waren ja alle weggelaufen wie die Angsthasen. Einzig Johannes, der Lieblingsjünger, hatte mit ausgehalten unterm Kreuz. Ansonsten leisteten nur die Frauen Beistand. Nur sie trotzten der rohen, zerstörerischen Gewalt noch – mit ihren Tränen, mit ihrem Mitleid, mit ihrer Sympathie für den Gefolterten.

Nach dem Schock, den der frühe, grausame Tod des Freundes in ihnen verursacht hat, ist das jetzt ein erster Versuch, einen Hauch von Normalität ins Geschehen zu bringen: Wir gehen hin und salben ihn – diese letzte Begegnung mit dem Toten, diese letzten Berührungen werden vielleicht helfen, wenigstens ein Stück weit zu begreifen, was geschehen ist. Trauerrituale sind notwendig, um irgendwann, Schritt für Schritt, langsam in die Normalität zurückzukehren.

Aber – gerade die Normalität wird den Frauen jetzt eben verwehrt. Der Stein ist weg, über den sie sich gerade noch so viel Sorgen und Gedanken gemacht hatten. Jemand hat ihn verrückt. Und noch verrückter: der Leichnam ist auch weg. Stattdessen sitzt ein weiß gekleideter Jüngling da. Ist das denn ein Ort für einen jungen Mann: eine Grabhöhle? Nein, da stimmt was nicht. Das kann nicht wahr sein. Tot muss doch tot bleiben. Was sonst?

Das ist die Einstellung, die den Gekreuzigten bis heute zurück zwingen möchte ins Grab, liebe Gemeinde. Tot ist tot. Wunder gibt es keine. Es kann nicht sein, weil es nicht sein darf. Oder: weil wir es noch nie erlebt haben. Es passt einfach nicht ins Weltbild, dass jemand von den Toten aufersteht.

Mehr als ein Drittel der Christen, so habe ich gelesen, glauben nicht an die Auferstehung. Viele Deutsche haben keine Ahnung, warum überhaupt Ostern gefeiert wird. Jeder fünfte gibt eine falsche Begründung an: Sechzehn Prozent meinen, Ostern werde als Ende der

Fastenzeit gefeiert. Sechs Prozent geben an, Ostern bedeute den Frühlingsanfang. Fünf Prozent glauben, Ostern sei ein germanisches Fest der Fruchtbarkeit. Fragen Sie mal Kinder, warum wir Ostern feiern. Da lautet die Antwort meistens: „Da kommt der Osterhase und bringt die Eier!“ Es scheint, heute ist es weniger das Entsetzen, was den Glauben schwermacht als vielmehr Unkenntnis oder eben der Zweifel, ob denn da alles mit rechten Dingen zugeht in der Ostergeschichte der Bibel.

Und trotzdem: Der Jüngling sitzt da, mitten drin in der Ostererzählung. Mitten im leeren Grab. Mitten im Dunkeln mit seinem leuchtend hellen Gewand. Wir können ihn nicht übersehen und nicht wegdiskutieren. Schwarz auf weiß – oder besser gesagt: weiß auf schwarz – steht es da: dieser junge Mann reißt die drei Frauen heraus aus ihrer Fixierung auf den Tod. „Habt keine Furcht!“, sagt er. „Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferweckt worden. Schaut – hier! – den Ort an, wo sie ihn hingelegt haben: Er ist fort!“ Und er verspricht den Frauen, dass sie ihren geliebten Freund wiedersehen werden; er stellt ihnen eine Zukunft mit Christus vor Augen.

Das ist es, liebe Gemeinde, was letztlich über unser ganzes Christenleben entscheidet: ob wir in der Lage sind, inmitten der Grabhöhlen, die sich auch in unserem Leben auftun, einen solchen Jüngling zu sehen. Dieser junge Mann in der Geschichte ist das blühende Leben. Er sagt die Wahrheit, mit der Gott uns im Angesicht des Todes gegenübertritt: Ich lebe und ihr sollt auch leben! (Joh 14,19) Der Karfreitag ist nicht das Ende. Die Arroganz der Macht, die Willkür der Grausamen, die Ohnmacht der Geschundenen werden am Ende nicht die letztgültige Wahrheit sein – wahr ist vielmehr, dass unser Leben unzerstörbar ist, selbst wir sterben müssen.

Das ist die Hoffnung, die uns als Christen trägt. Von Anfang an. Hätten die ersten Jünger sonst den Mut gehabt, vom Auferstandenen zu erzählen? Hätte das Evangelium sich sonst verbreiten können, in einer Zeit, in der es mit dem Tod bestraft wurde, wenn sich jemand weigerte, den Kaiser als Gott anzubeten? Hätten Menschen durch die ganze Geschichte hindurch sonst den Mut gefunden, gegen die Mächtigen ihren Mund aufzumachen? Ein Martin Luther, die Geschwister Scholl, Dietrich Bonhoeffer oder jene Menschen, die vor dreiunddreißig Jahren in der DDR für Freiheit und Selbstbestimmung demonstrierten? Oder die Oppositionellen in Russland, die noch immer nicht schweigen trotz aller Repressionen?

Ich behaupte, ohne Ostern wäre die Weltgeschichte anders verlaufen, angepasster, langweiliger, mit noch viel mehr Mitläufern mit der Macht. Ostern ist die Ahnung davon, dass es eine Wahrheit hinter der vordergründigen Wirklichkeit gibt. Es ist die Hoffnung darauf, dass der Tod nicht das Ende ist. Genau diese Hoffnung gibt bis heute zahllosen Menschen Rückgrat und Mut. So gesehen ist die Geschichte des Christentums eigentlich selbst eine Auferstehungsgeschichte.

Aber zurück zu uns selbst. Sehen wir den Jüngling in unseren Grabhöhlen? Ist er da, neben uns auf der Fernsehcouch, wenn wieder schreckliche Bilder aus Mariupol oder Charkiw in unser Wohnzimmer flimmern? Ist da jemand, der uns Hoffnung zuspricht? Den Menschen, die alles verloren haben? Denen, die schwer gezeichnet sind von einer Krankheit? Denen, die bitter trauern um einen geliebten Menschen? Oder denen, denen schlichtweg der Glaube fehlt? Wo ist der Engel, der Weißgewandete, der den Blick vom Tod weg in die Zukunft lenkt?

Liebe Gemeinde, es gibt diesen Engel, immer wieder. Herbeizwingen lässt er sich zwar nicht, aber ich bin sicher: wer sich innerlich aufmacht, wer Augen entwickelt für die Zeichen des Himmels, der oder die kann diesem Jüngling begegnen. Nicht unbedingt in Gestalt eines jungen Mannes. Aber doch real und ungeheuer tröstlich.

Lassen Sie mich eine Geschichte erzählen, die für mich so etwas war: Vor etlichen Jahren musste ich das Schwerste tun, was man in meinem Beruf tun kann: ich musste ein kleines Baby beerdigen, das am plötzlichen Kindstod gestorben war. Ein winzig kleiner Sarg war aufgebahrt, wie ein Wachschristkindl lag das Kind im Sarg, die Eltern waren wie gelähmt und vollkommen unter Schock. Ich wusste kaum, woher ich die Kraft finden sollte zum Trösten, so nah ging mir das alles. Und dann, mitten in der Trauerfeier in unserer Kirche, Ende November, schwebte plötzlich ein riesiger bunter Schmetterling, ein Pfauenauge, durch den Altarraum unserer Kirche. Zufall?! Für mich war das kein Zufall. Der Schmetterling ist in der christlichen Ikonografie das Zeichen für Auferstehung, denn man glaubt ja kaum, dass aus einer unscheinbaren, trockenen Puppe so ein buntes, leichtes Lebewesen werden kann, das in eine ganz andere Dimension hinauf flattert. Dieser Schmetterling damals in der Trauerfeier war ein Geschenk Gottes. Er war so eine Art Jüngling in der Grabhöhle – da brauchte es gar nicht mehr viele Worte, er selbst hat getröstet.

Das blühende Leben tritt den Trauernden entgegen, in welcher Form auch immer Das ist Ostern. Und nun gilt es, Angst und Depression zu überwinden. Die Frauen fliehen, so erzählt uns die Bibel, der Schreck hat sie erfasst. Ein heiliger Schrecken, der sie wegtreibt vom Friedhof. Beim Grab haben sie jetzt nichts mehr zu suchen. Das Leben geht in eine andere Richtung. Die Frauen werden zu den ersten Osterzeuginnen. Ausgerechnet sie, die damals in der Gesellschaft nicht als vollwertige Menschen angesehen wurden, begründen nun das österliche Christentum. Da kehren sich sämtliche gängigen Machtverhältnisse um. Was Maria noch vor der Geburt Jesu gesungen hat, wird wahr:

„Der Herr hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Er hat große Dinge an mir getan. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen“ (Lk 1,48a.49a.52f)

Die Frauen haben erfahren, was göttliche Zuwendung bedeutet: unsere Blicke, unsere Gedanken, unsere Worte und Taten sollen sich abwenden vom Tod und von den Gräbern, vom scheinbar unverrückbaren „Das war schon immer so!“ hin zu einem dynamischen, bunten, entwicklungsfähigen und vielleicht manchmal verrückten Leben. Einem vertrauensvollen Leben mit weitem Herzen und offenen Verstand. Einem Leben, in dem die Hoffnung sich nicht den Mund verbieten lässt. Ein Leben, in dem sich gegen alle dunklen Grabhöhlen immer wieder die Liebe durchsetzt, die Hoffnung und das Vertrauen. Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Pfarrerin Uli Wilhelm

Predigt am Ostersonntag, 17.04.2022 in Garmisch

und am Ostermontag, 18.04.2022 in Mittenwald

Predigttext: Markus 16,1-8

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Epistel: Kol 3,12–17
Predigttext: Kol 3,12–17
Evangelium: Lk 19,37–40
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