Unsere Gottesdienstreihe - Lieder der Passion

KMD Wilko Ossoba-LochnerLiebe Leser*innen! Ich muss Sie um etwas Geduld bitten. Bei dem folgenden Artikel handelt es sich nicht um niederschwellig leichte Kost, sondern den Versuch; dem Thema "Passionslieder" in aller gebotenen Kürze gerecht zu werden und Sie auf unsere Gottesdienstreihe nicht nur aufmerksam sondern auch neugierig zu machen. Wenn es Ihnen ausschließlich um die Lieder geht, über die in den Gottesdiensten gepredigt werden wird, beginnen Sie am besten erst bei der Zwischenüberschrift "Die Lieder der Predigtreihe" zu lesen oder sie sehen sich nur die Aufstellung ganz am Schluss an. 

"Von einer Jungfrau rein und zart/ für uns er hier geboren ward/ er wollt der Mittler werden", heißt es in dem innigen Lied "O Mensch, bewein dein Sünde groß" EG 76. Dieses Lied der beiden Kantoren Sebald Heyden (Text) und Matthäus Greiter (Melodie) gibt für die Gottesdienstreihe Passionslieder 2021 bereits einige der theologischen und musikalischen Themen vor, die die Gottesdienste vor Ostern prägen werden: Die Erlösung von den Sünden durch den Opfertod Jesu, Jesus als "großer Brückenbauer" zwischen Gott und den Menschen, sowie die sich der Vernunft entziehenden Konsequenzen dieser Vorgaben. Dies alles wird durch die Inspiriertheit der Melodien unseres Gesangbuches vermittelt, die uns das Passionsgeschehen unmittelbar ohne den Umweg über den Verstand erschließen und den bedeutendsten Komponisten als Grundlage für ihre Musik dienten.

Die Komposition einer Choralbearbeitung über eine solche Liedmelodie kann man sich in etwa wie die Arbeit eines Goldschmieds an einer Edelsteinfassung vorstellen: Obwohl die Art des Geschmeides durch seine Verwendung als Ring oder Anhänger vorgegeben ist, bestimmt doch der Edelstein, der gefasst wird, die Form entscheidend mit. So gibt auch eine Choralmelodie nicht nur die Tonalität; Harmonik und Kontrapunktik, sondern auch z.T. den Umfang und die Architektur einer Choralbearbeitung vor - weniger allerdings den Charakter, das Tempo, die Stilistik und die rhythmische Struktur eines Stückes.

Zu dem erwähnten Lied "O Mensch bewein" EG 76 gibt es dementsprechend Kompositionen wie Johann Sebastian Bachs Orgelchoral aus dem Orgelbüchlein, der trotz seiner reich ausgezierten Melodie quasi die Minimalfassung einer solchen Choralbearbeitung darstellt, und gleichzeitig vom gleichen Meister den Eingangschor zum zweiten Teil seiner Matthäuspassion, dem ebenfalls nun dasselbe Lied zu Grunde liegt - diesmal mit vierstimmigem Figuralchor und großem Barockorchester.

Lieder zur Passion

Nun ließe sich fast zu jedem der ersten 15 Passionschoräle in unserem Gesangbuch ähnlich Bedeutsames berichten. Allein die Choralmelodien, die sich in den Bachschen Passionen finden, sind schon auf Grund dieser Tatsache von größter Bedeutung für unsere Musikkultur. "Christus, der uns selig macht" etwa ist in all seiner archaischen Wucht doch auch eines der wenigen Beispiele unter den Passionsliedern, das einen Bericht der Geschehnisse als Passionsharmonie bietet, darin dem stilistisch ganz anders aufgebauten EG 95 "Seht hin, er ist allein im Garten" ähnlich.

"Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld" EG 83 stammt eigentlich aus dem französischen Hugenottenpsalter als Melodie für Psalm 130 "An Wasserflüssen Babylon". Obwohl sehr häufig für Kompositionen herangezogen, wird die Melodie wohl niemals wieder solch eine fast schockierende Wirkung wie zu Beginn der "Matthäuspassion" entfalten, wo die engelhaft-unschuldigen Töne des Liedes in den Klagetumult des gewaltigen Trauertanzes hineinkomponiert sind. Wobei der Kompositionsprozess (s.o.) selbstverständlich andersherum verlaufen ist: Am Anfang war das Lied, dann erst die übrigen musikalischen Elemente.

Zwei der berühmtesten Passionsmelodien, nämlich "O Haupt voll Blut und Wunden" EG 85 und "O Welt sieh hier dein Leben" EG 84 haben nicht nur den emphatischen Beginn gemeinsam, sondern auch ihren Ursprung als rein weltliche Liebeslieder: "Mein Gmüt ist mir verwirret, das macht ein Jungfrau zart" und "Innsbruck ich muss dich lassen" waren die ursprünglichen ersten Textzeilen. Nicht zufällig ist zudem den drei letzterwähnten Liedern gemein, dass ihre Texte alle vom wichtigsten evangelischen Liederdichter nach Luther, von Paul Gerhard gedichtet wurden, denn dessen poetisch wie theologisch geistvolle Verse haben ihre Popularität zusätzlich gesichert.

Dass weltliche und geistliche Liebeslieder keine Gegensätze, sondern entferntestenfalls zwei Seiten derselben Medaille darstellen, hat nicht erst die Gegenwart erkannt. Eine der Mystik nahestehende Geisteshaltung hat dies seit den Zeiten, in denen das Hohe Lied ins Alte Testament aufgenommen wurde, immer wieder intuitiv begriffen. Auch der "O Haupt voll Blut und Wunden" zugrundeliegende lateinische Text stammt von einem mystisch gestimmten Gottesliebhaber aus dem 12. oder 13. Jahrhundert. Die Fülle von Kompositionen zu diesem Lied und die erstaunliche Beliebtheit eines Textes, der für sich genommen seit mindestens 300 Jahren kaum die Frömmigkeit einer größeren Anzahl von gläubigen Christen widerspiegelt, hat in diesem Fall seinen Ursprung in der Platzierung des Chorals als Sterbelied Christi in der Matthäuspassion Bachs.

Es fällt schwer über die anderen Choräle, beispielsweise den karolingischen Hymnus "Rex Christe, factor omnium" (dt. Übers. EG 92) oder "O Traurigkeit, o Herzeleid" EG 80, dessen Text vom mutigen Kämpfer gegen die Hexenverfolgung Friedrich von Spee stammt, einfach hinwegzugehen. Erwähnt seien in jedem Fall diejenigen Lieder vor allem neueren Datums, die sich die Prediger*innen unserer Gottesdienstreihe als Themen vorgenommen haben.

Die Lieder der Predigtreihe

Auffällig ist, dass sich drei der Prediger*innen für Lieder entschieden hat, die nicht mehr explizit die Jahrhunderte alte Sühnopfertheologie vertreten, also die Lehre, dass Jesus sich als Ausgleich für unsere Sünden hat ans Kreuz schlagen lassen. "Seht hin, er ist allein im Garten" EG 95, besteht eigentlich aus zwei gegensätzlichen Liedern. Dabei fungiert das alte Zehn-Gebote-Lied der Hugenotten (vgl. EG 255) als Refrain und thematisiert als eine Art Gemeindeanrufung Begriffe wie Angst, Schuld und Mitleid. Der erste, am besten solistisch zu realisierende Teil des Liedes beschreibt ähnlich einer antiken Teichoskopie die Geschehnisse des ersten Teils der Passionsgeschichte. Die kaum bekannte Melodie dieser Strophen wäre musikalisch sehr sinnvoll durch "Christe, du Schöpfer aller Welt" EG 92 (s.o.) zu ersetzen.

Ebenso formal interessant sind die Texte des Liedes "Holz auf Jesu Schulter" EG 97 und "Korn, das in die Erde" EG 98, die beide deutsche Nachdichtungen eines niederländischen bzw. englischen Originals durch den Berliner Pastoraltheologen Jürgen Henkys sind. Das erste, mit einer ruhigen modalen Melodie versehen, über die inzwischen bereits über 60 Kompositionen entstanden sind, stammt von dem Pfarrer Willem Barnard. Henkys hat dem Lied einige Veränderungen angedeihen lassen, die vor allem den antithetischen Charakter des Textes gefördert haben. Das zweite Henkys-Lied ist eine poetische Meditation, die auf eine spätmittelalterliches Weihnachtsmelodie aus Frankreich gesungen wird, das die dorische Sexte zum seinem Hauptcharakteristikum macht.

Die drei anderen Lieder variieren u.a. die verschiedenen Aspekte des Sühnopfergedankens. Dies könnte angesichts der völlig unterschiedlichen Lebenswelten, aus denen die Lieder stammen, erstaunen. Doch da dies Verständnis des Kreuzestods Christi bereits in den Abendmahlsworten und dann explizit bei Paulus im NT angelegt ist, verwundert es nicht, dass es sich als theologische Hauptströmung bis vor wenigen Jahrzehnten auch in den Liedtexten niedergeschlagen hat. "O Mensch bewein dein Sünde groß" EG 76 aus dem Reformationsjahrhundert wurde schon zu Beginn erwähnt. "Herr, stärke mich dein Leiden zu bedenken" EG 91 aus dem Jahrhundert der Aufklärung fügt der Hoffnung auf Erlösung von den Sünden noch vor allem moralische Nutzanwendungen hinzu, die die Hugenotten-Melodie zum berühmten 23. Psalm fast vergessen lassen. Mit einer Melodie des Greifswalder LKMD Manfred Schlenker hat sich das Lied "Das Kreuz ist aufgerichtet" EG 94, dessen letzte Strophe durchaus ein wenig Geschlechtergerechtigkeit vertragen könnte, bisher nicht in unseren Gottesdiensten einbürgern können. Dies ein Beispiel dafür, dass Lieder, die unserer Zeit wesentlich näherstehen als andere, dadurch nicht unbedingt auch Popularität erlangen müssen.

Ergänzt wird die Predigtreihe durch die Aufführung der Kantate "Erhalte mich, O Herr, in deinem Werke" von Georg Philipp Telemann (1681—1767), die coronabedingt in ihrer kleinstmöglichen Besetzung: mit einer Singstimme, einer Violine und Generalbass aufgeführt wird. Sie wird im Rahmen eines Kantatengottesdienstes, in dem weitere der oben erwähnten Passionslieder erklingen werden, in Garmisch-Partenkirchen, Murnau und Mittenwald zu hören sein.

Herausforderungen

Weshalb aber ist denn heute die Opfertheologie so unpopulär? Wurde sie es durch die Überwindung des Opfergedankens im NT, wie es schon in EG 449 "Die güldne Sonne" von Paul Gerhard heißt: "Dankbare Lieder sind [nunmehr] Weihrauch und Widder"? Welche Rolle spielen die Einsetzungsworte des Abendmahls? Verträgt sich Moral als Zuchtmeisterin der Sünde mit der Freiheit der Liebe? Wie kann aus dem Grauen der Folterung und Hinrichtung eines oder einer Gerechten ein dem Licht zugewandte Bewegung, ja eine Kirche werden? Diese Fragen drängten sich mir beim Schreiben auf, und vielleicht wird die eine oder andere ja in den Predigten im Werdenfelser Land vor Ostern eine Rolle spielen. Vielleicht werden es auch ganz andere Dinge sein, die wir zu hören bekommen. Wer - aus welchem Grund auch immer - nicht diese Gottesdienste selbst besuchen kann oder möchte, wird wahrscheinlich die Möglichkeit erhalten, einiges am PC nachzuhören oder nachzulesen.

KMD Wilko Ossoba-Lochner

 

In der Evangelischen Kirche in Mittenwald um 10 Uhr:

 

21.02 "Korn, das in die Erde"

Pfarrer Josias Hegele (in Krün am 28.2 um 18 Uhr)

28.02 "Das Kreuz ist aufgerichtet"

Pfarrer Martin Dubberke

07.03 "Seht hin, er ist allein im Garten"

Pfarrerin Ulrike Wilhelm  

14.03 "O Mensch, bewein deine Sünde groß"  

Prädikant Lutz Wangert

21.03 Kantatengottesdienst

Pfarrerin Irene Konrad

28.03 "Holz auf Jesu Schulter"

Pfarrerin Simone Hegele (um 18 Uhr in Krün)