Predigt am 21. Sonntag nach Trinitatis

Pfarrerin Uli WilhelmWoran erkennt man eigentlich Christen? Was würden Sie sagen? Am Kirchgang? Am regelmäßigen Gebet? Am Begehen von Festen wie Advent, Weihnachten oder Ostern? Am sozialen Engagement, wenn Geld oder auch Zeit geteilt werden? Oder an der Einstellung zum Leben, geprägt von der Suche nach Frieden und Nächstenliebe? Die Fähigkeit zum Verzeihen zum Beispiel oder der Einsatz für eine gerechte, lebenswerte, solidarische Welt?  Was macht einen Christen, eine Christin eigentlich aus?

Wir würden jetzt sicher viele Antworten mit unterschiedlichen Nuancen bekommen – aber eine Antwort, vermute ich mal, würde bestimmt niemand von Ihnen geben: Das Unterscheiden der Geister. Das klare Setzen von Prioritäten. Und die Fähigkeit zum Kämpfen, sogar bis zum bitteren Ende. Genau diese Eigenschaften werden aber in unserem heutigen Predigttext extrem stark gemacht, sozusagen als Markenzeichen für das Christentum. Und zwar nicht von irgendeinem Fanatiker, sondern von Jesus selbst. Hören Sie, was er sagt. Ich lese aus dem Matthäusevangelium im 10. Kapitel: 

Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. Wer sein Leben findet, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird's finden. (Mt, 10,34-39)

Das sind Sätze, die nichts zu tun haben mit einem kuscheligen Wellness-Wohlfühl-Christentum, nichts mit einem harmlos einlullenden Glauben, nichts mit „Opium des Volkes“, wie Karl Marx alle Religion einmal bezeichnet hat. Die Sätze Jesu schockieren vielmehr. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Klingt ja beinah wie das Bekenntnis eines fanatischen Gotteskriegers, kurz vor der Enthauptung eines Opfers. Oder wie die Aufschrift auf der Fahne eines Kreuzritters, der mit geschärftem Schwert Richtung Jerusalem zieht, um die Heilige Stadt von vermeintlich Irrgläubigen zu befreien. Oder wie das Motto eines mittelalterlichen Inquisitoren, der Frauen zuerst foltern und dann als Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrennen lässt. Was sind nicht alles für Gewalttaten erfolgt im Namen der Religion! Nie, niemals hat freilich blutige Gewalt beigetragen zu echter Konfliktbewältigung, zur Klärung komplizierter Verhältnisse oder zu dauerhaftem Frieden. Im Gegenteil: Das Schwert hat immer nur noch mehr Gewalt und Fanatismus in Gang gesetzt.

Wie kann also Jesus so reden? Was meint er?

Mir fällt zunächst die Szene im Garten Gethsemane ein. Als sich bis an die Zähne bewaffnete Soldaten nähern, um Jesus zu ergreifen, zieht sein treuer Freund Petrus das Schwert und fängt an, zu kämpfen. Einem gewissen Malchus schlägt er sogar das Ohr ab. Aber da weist ihn Jesus scharf zurecht: Stecke dein Schwert weg! befiehlt er. Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen! Das ist deutlich. Bestimmt hat Petrus auch noch die Sätze aus der Bergpredigt im Ohr: Liebt eure Feinde und tut wohl denen, die euch hassen. Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, so halte ihm auch die linke hin. So redet Jesus. Das ist sein Weg. Und er geht diesen schwierigen, schmerzvollen Weg der Gewaltlosigkeit mit aller Konsequenz. Am Kreuz lässt er sich darauf festnageln. Mit einer Waffe, einer Lanze, durchbohrt man ihm am Ende sogar noch die Seite – um ganz sicher zu gehen, dass so ein naiver Weg der Gewaltlosigkeit letztlich ein Irrweg sei. Nur - Gott hat das anders gesehen. Deshalb ist es Ostern geworden. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.

Nein es geht hier nicht um ein Schwert aus Stahl, um eine Waffe, gezogen wird, um jemanden zu töten. Aber es geht sehr wohl um Entscheidung. Aus seiner Scheide wird ein Schwert gezogen, wenn ein Kampf auf Leben und Tod droht. Eine Entscheidungs-Situation ist eine Lage, in der ich nicht mehr neutral bleiben kann. In der es zu kämpfen gilt. Den Mund aufmachen. Klar und deutlich für etwas einstehen. Sich nicht mehr verstecken hinter anderen oder in vermeintlicher Unwissenheit. Sondern kämpfen. Etwas riskieren. Sich herausbegeben aus der persönlichen Komfortzone und sich klar zu dem bekennen, was man für sich als wahr und richtig erkannt hat, wozu man steht, wofür man kämpft. Das verlangt Jesus von seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern. Und dabei geht es um Leben und Tod:

Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. Wer sein Leben findet, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird's finden.

Die ersten Christinnen und Christen haben die Erfahrung gemacht, dass ihr Glaube Entscheidung braucht. Denn damals waren ja längst nicht alle Anhänger der christlichen Religion. Im Gegenteil: die Christen waren eine kleine Minderheit. Sie wurden verlacht, nicht ernst genommen und auch politisch enorm unter Druck gesetzt. Dass es in solchen Situationen Risse durch ganze Familien gibt, liegt auf der Hand. Die Menschen damals standen natürlich vor Fragen: Soll ich meinen Glauben aufgeben, weil meine Mutter das von mir verlangt? Soll ich mich dem Druck der Familie, der Freunde oder des Staates beugen? Oder gehe ich meinen Weg straight weiter – und riskiere, dass ich dafür bluten muss? 

Viele Christinnen und Christen haben in den ersten Jahrhunderten ihr Leben als Märtyrer verloren. Dieses Wort kommt aus dem Griechischen: μάρτυς heißt ‚Zeuge' und μαρτύριον ist das ‚Zeugnis'.  Es geht also ums Bezeugen von Glauben, ums Dahinterstehen, um Authentizität und Wahrhaftigkeit. Ein Christentum, das man hinwirft, sobald es ernst wird, ist kein echtes Christentum. Jesus nachfolgen heißt nicht, sich ein goldenes Kreuzerl um den Hals hängen, sondern es heißt, bereit zu sein, selbst ein Kreuz auf sich zu nehmen, wenn es denn nötig wird.

In vielen Teilen der Welt ist es nötig, auch noch heute. Allein im letzten Jahr wurden in China über 5000 Kirchen und kirchliche Einrichtungen geschlossen oder zerstört. Bibeln und Kreuze werden beschlagnahmt, Geldstrafen verhängt, unerwünschte Pfarrer und Gemeindemitglieder verhaftet und in Umerziehungslager gesteckt. Der staatliche Machtapparat setzt dabei ganz auf digitale Überwachungstechnik. Dies wurde vielen Gemeinden im letzten Jahr zum Verhängnis. Wegen der Corona-Ausgangssperren boten sie – genau wie wir - Online-Formate an. Nach Ostern wurden zahlreiche Christen in Handschellen abgeführt, die von Zuhause aus online-Gottesdienste mitgefeiert hatten. „Verfolgung 2.0“ wird das Vorgehen des Staates inzwischen von christlichen Hilfswerken genannt. Ziel scheint zu sein, das Christentum entweder ganz auszulöschen oder so zu verändern, dass es in die Staatsideologie passt. Ähnlich hat man es ja auch mit dem tibetischen Buddhismus versucht.

Wie groß kann die Kraft einer Religion unter solchen Bedingungen noch sein? Wie viele sind bereit, trotz aller Verfolgung und allem Druck Zeugnis, Martyrium, zu geben? Und wie ist es bei uns? Nein, Verfolgung gibt es hierzulande meist nicht – im Gegenteil, manche meinen sogar, die Kirchen würden viel zu sehr vom Staat gefördert. Doch wir spüren alle, dass sich nicht nur das Weltklima, sondern auch das gesellschaftliche Klima derzeit schnell verändert. Gleichgültigkeit und Beliebigkeit nehmen zu, der Respekt und die Achtung voreinander dagegen ab. An so vieles haben wir uns gewöhnt: an unsere Bequemlichkeit und grenzenlose Mobilität, an den Müll, an die Autoschlangen, daran, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht. Die Einen lassen sich zum Vergnügen ins All schießen – die Anderen können ihre Heizkosten nicht mehr zahlen. Über 800 Millionen Menschen leiden derzeit weltweit an chronischem Hunger. Mord ist das, sagt unser Entwicklungshilfeminister Müller. Denn eigentlich hätten wir das Know-how, um alle Menschen auf der Welt satt zu kriegen.

Sollen wir zu solchen Fakten schweigen als Christinnen und Christen? Das Schwert in der Scheide lassen, die Wut hinunterschlucken, unsere Ansichten verheimlichen hinter unseren Masken aus Gleichgültigkeit oder Resignation? Wo ist sie, die Kraft unserer Religion, unseres Glaubens? Spürt man es auf der Welt, dass das Christentum die größte aller Weltreligionen ist? Wo ist unser Glaube in unserem Land spürbar, in unserer Gesellschaft, wo wir derzeit so viel Spaltung, Hass und Unvernunft erleben?

Ich komme nochmal zurück auf das Schwert, von dem Jesus redet. Das griechische Wort dafür lautet „machaira“. In unserem Wort „Machete“ steckt das noch drin. Ein scharfes Messer also, mit dem man Licht ins Zugewachsene bringen und sich in dichtem Gestrüpp einen Weg bahnen kann. Eine Machete eröffnet neue Wege, sie schafft neue Zugänge und Möglichkeiten. Dahinter steckt das griechische Wort „machomai“. Es bedeutet einerseits Kämpfen im eigentlichen Sinne. Aber es kann auch „Streiten mit Worten“ meinen, diskutieren, argumentieren, sich auseinandersetzen. Ein Disput bringt Licht in den Dschungel der Argumente. Dabei können sich neue Wege und Perspektiven für alle Beteiligten eröffnen. Jesus hat das immer wieder erlebt im Diskurs mit den Menschen. Schon als Zwölfjähriger hat er lieber mit den Theologen im Tempel diskutiert als brav mit seinen Eltern nach Hause zu gehen. Die Leidenschaft fürs Gespräch, für hitzige Diskussionen mit Freunden und Gegnern hat ihn sein Leben lang begleitet.

Auch der Vater unserer evangelischen Kirche, Martin Luther, war ein Freund des Disputs, der scharfen verbalen Auseinandersetzung, ein streitbarer Kämpfer des Wortes. Selbst in dramatischen Situationen wie auf dem Reichstag zu Worms hat er nicht klein beigegeben, sondern gestritten für das, was er als Wahrheit erkannt hatte. Luthers Erfahrung dabei war, dass es am allermeisten hilft, sich auch unter schwierigsten Bedingungen ganz aufs Wort Gottes zu verlassen. Sola scripura. Nur die Heilige Schrift schenkt uns die Kraft, uns deutlich als Christinnen und Christen zu zeigen und Zeugnis zu geben von unserem Glauben. Nur das Wort Gottes macht uns fähig, die Geister zu unterscheiden und Licht in den Dschungel persönlicher und gesellschaftlicher Lebensverwirrungen zu bringen.

Schließen möchte ich mit einem Zitat aus der Heiligen Schrift, aus dem Hebräerbrief:

Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert. Es dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. (Hebr 4,12)

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in dem lebendigen Wort Gottes, in Jesus Christus. Amen.

Pfrn. Uli Wilhelm