Konzert im Rahmen der "2. Werdenfelser Orgelkonzerte" in der Johanneskirche am 9. Juli 2020 um 20:00 Uhr

Orgel in der JohanneskircheDas Programm dieses Orgelkonzerts ist vornehmlich der Gattung "Toccata", sowie besonders ausgefallenen Choralbearbeitungen berühmter Komponisten gewidmet. Als Verbeugung vor der jahrhundertelangen Instrumentenbautradition in Mittenwald wird auch die "Geigenfuge" Johann Sebastian Bachs erklingen, die eine Umarbeitung des Komponisten seiner vierstimmigen Fuge in g-Moll für Violine solo darstellt.

Giacomo Meyerbeers Ouvertüre zu seiner Oper "Die Hugenotten" stellt eine orchestrale Choralbearbeitung über Luthers "Ein feste Burg ist unser Gott" dar. Diese Einleitung zur musikdramatischen Umsetzung eines der vielen tragischen Massenmorde in Europa, die zumindest nominell von Glaubenszwistigkeiten hervorgerufen waren, bricht am Übergang zum vokalen Operngeschehen ab.

Gefolgt wird sie von einer musikalischen Rarität, nämlich einem der beiden "Präludien durch alle Tonarten" für die Orgel, die Ludwig van Beethoven als sein Opus 39 erscheinen ließ und in ihrer zu erwartenden Modulations-Freude bereits die Chromatik der Stücke von Rossi und Reger im weiteren Verlauf des Konzerts vorbereitet. Die Werke der beiden letztgenannten sind unter Organisten keine Geheimtipps mehr, führen aber in ihrer enharmonische Grenzen ständig überschreitenden Chromatik den Zuhörer in tonal äußerst unsicheres Gelände. Gerade die Fuge von Max Reger bewirkt streckenweise eine beinahe somnambule Stimmung.

Gemeinsam ist den drei Toccaten-Kompositionen dieses Programms die Tonart d-Moll. Doch die formale und stilistische Unterschiedlichkeit der Stücke verdeutlicht gleichzeitig die ungeheure Freiheit, die diese musikalische Gattung Komponisten, Interpreten und Zuhörern lässt. Dabei sind die Komponisten der Stücke eng miteinander verbunden: Frescobaldi war der Lehrer Rossis und seine Stücke haben auch den jungen Bach so fasziniert, dass er sie heimlich bei seinem Bruder kopierte. Regers Musik wiederum ist trotz ihrer klaren Zugehörigkeit zur Spätromantik ohne Verweis auf Bach nicht denkbar.

Bachs "III. Theil der Clavier=Übung" stellt einen Gipfelpunkt seines Schaffens als Orgelkomponist, aber auch als beispielgebender Kontrapunktiker dar. Die große Bearbeitung über den Katechismus-Choral zum Vaterunser (EG 344) baut auf einem Oktavkanon der jeweiligen Choralmelodie auf. Der Pedal-Bass und zwei dialogisierende Oberstimmen treten hinzu, wodurch  eine kontrapunktisch-harmonische Dichte, gepaart mit komplexen rhythmischen Strukturen entsteht, die unter den Choralbearbeitungen ihres Gleichen sucht. Anders herum könnte man auch von einer Triosonate mit Choraleinbau sprechen.

Ebenso einzigartig ist die zehnstimmige Choralbearbeitung "Ascendo ad patrem" des Orgelmeister Arnolt Schlick, die lange für unspielbar gehalten wurde, weil sie nicht nur der rechten Hand mit vier Stimmen sondern auch den beiden Füßen mit noch einmal der nämlichen Stimmenzahl eine wirkliche Herausforderung bietet. Dieses Stück von ca. 1520 ist bis heute in puncto Vielstimmigkeit nicht mehr erreicht worden.

Die "kleinen" Schwesterwerke der beiden letztgenannten Kompostionen entspannen das Klangbild des Konzerts und sind als strenges Bicinium und als fließender vierstimmiger Orgelchoral ganz anderen musikalischen Vorgaben verpflichtet.

Ungewöhnlich ist schließlich die Zusammenstellung der "Dorischen" Toccata mit der "Geigenfuge", denn beiden Stücken hat Bach ursprünglich andere Paarbeziehungen zugeordnet. Hier mögen die Zuhörer*innen entscheiden, ob diese Abfolge musikalisch sinnvoll ist.

Das Programm

Giacomo Meyerbeer (1791 - 1864), Orgelbearbeitung der Ouvertüre zu der Grand Opéra "Les Huguenots"

Ludwig van Beethoven (1770 - 1827), Präludium durch alle Tonarten für Orgel oder Klavier op. 39,2

J.S.Bach, 2 Choralbearbeitungen über das Lied "Vater unser im Himmelreich" aus dem "Dritten Teil der Clavierübung"

Johann Sebastian Bach (1685 - 1750), "Dorische" Toccata (BWV 538,1) und Fuge d-Moll (BWV 539,2) "Geigenfuge"

Max Reger (1873-1916), Toccata und Fuge op. 129 1+2

Michelangelo Rossi del Violino (1601/02 - 1656), Toccata Settima

Arnolt Schlick (vor 1460 - nach 1521), Zwei Bearbeitungen der Antiphon "Ascendo ad Patrem" zu 2 und zu 10 Stimmen (davon 4 im Pedal)

 

ORGEL Wilko Ossoba-Lochner - REGISTRANTIN Clara Streffer

 KMD Wilko Ossoba-Lochner

Wilko Ossoba-LochnerWilko Ossoba-Lochner (*1962) stammt aus Westfalen und erhielt u.a. als Mitglied der Stiftskantorei Gütersloh (Kantor Gottfried Wagner) und der Jugendkantorei Gütersloh (KMD Hermann Kreutz) seine erste musikalische Ausbildung. Nach Orgelunterricht u.a. bei Christoph Grohmann und Martin Lücker, sowie Studienzeiten in Eichstätt, Kiel und Konstanz studierte er von 1987 bis 1992 Kirchenmusik an der Musikhochschule Lübeck (u.a. Cembalo-Unterricht bei Hans-Jürgen Schnoor). Er war Stipendiat der Deutschen Studienstiftung und verbrachte weitere Stipendienaufenthalte in Wien und Paris.

Von 1989-2011 wirkte er als Kirchenmusiker an der St.-Katharinen-Kirche in Kirchbarkau und leitete dort unterschiedliche Instrumental- und Vokalensembles. Nach einem Jahr in Rom 2002/03 (u.a. Gründung des „Phönix-Ensembles“) wurde er 2005 zum Kreiskantor des Kirchenkreises Neumünster (jetzt Altholstein) gewählt. In dieser Funktion bildete er in mehreren C-Kirchenmusik-Kursen nebenamtliche Kirchenmusiker*innen aus und bereitete angehende Musikstudent*innen auf ihre Aufnahmeprüfung vor.

2011 wechselte er auf seine jetzige Stelle als Dekanatskantor im Kirchenkreis Weilheim nach Garmisch-Partenkirchen in Oberbayern. 2018 wurde ihm dort u.a. wegen seiner Arbeit mit dem Vokalensemble "CANTORIX Dekanatschor Weilheim", der aus Schüler*innen der Instrumentenbauschule Mittenwald besteht, der Titel "Kirchenmusikdirektor" verliehen.

Die Schwerpunkte der Arbeit von Wilko Ossoba-Lochner liegen zum einen im Bereich von Literaturspiel und Improvisation auf der Orgel. Neben Werken von Johann Sebastian Bach, pflegt er besonders die Orgelliteratur des 17. Jh.s und einzelne Komponisten aus Romantik und 20. Jh. Im Bereich der Improvisation widmete er sich u.a. dem Begleiten von Stummfilmen auf der Orgel (z.B. KoKi Kiel „Robin Hood“, LMU München „Phantom der Oper“). Besondere Bedeutung nimmt die Zusammenarbeit mit anderen Kunstsparten, vor allem der Literatur und der Bildenden Kunst ein. Zahlreiche Projekte entstanden in Zusammenarbeit mit dem Bildhauer Ingo Warnke.

Weiter beschäftigt ihn die Aufführung klein- und großbesetzter Werke der (Kirchen)Musik in Gottesdiensten und Konzerten. Neben Choralsätzen und Motetten, sind hier zum einen Kantaten und Oratorien verschiedener Komponisten zu nennen, aber auch Instrumental-Konzerte, symphonisch besetzte Werke und Mess-Kompositionen. Auch eigene Kompositionen kommen regelmäßig zur Aufführung.

Der Werdenfelser Kantor hat jahrzehntelange Erfahrung mit der Leitung von Kinder- und Jugendchören, mit denen er ein breites Spektrum musikalischer Werke vom Luther-Choral bis zum Musical erarbeitete. Um ein reichgestaltiges Kirchenmusikleben umzusetzten, gründete oder initiierte u.a. einen Kinderchor, eine Kantorei, ein Kammerorchester, einen Kammerchor, eine Orgelkonzertreihe und eine Band. Exemplarisch deutlich wird dies bei der musikalischen Gestaltung der Konfirmationen in seinen Kirchengemeinden deutlich, in denen stilistisch höchst unterschiedliche Musikgattungen zu hören sind.

Wilko Ossoba-Lochner ist verheiratet und hat drei Kinder.