Kirche To Go - ein System-Sprenger

Pfarrerin Birgit SchielEs ist das Ende des Schuljahres, die Klassen werden wieder unterrichtet, aber immer nur eine Hälfte auf einmal, die Kinder rennen in der Schule mit Maske herum, nur wenn sie direkt am Platz sitzen, dürfen sie die bunten Stofftücher vom Gesicht nehmen. Alles ist anders. Auch Gottesdienst gibt es keinen, wie sonst üblich.

Aber darum gibt es die Kirche To Go: Religionslehrer, Diakone und Pfarrer(innen) helfen zusammen, um den Kindern doch noch einen guten Abschluss dieses so seltsamen Schuljahres zu ermöglichen.

Ich freue mich auf diese Feier, denn ich habe meine Schüler aus der evangelischen Religionslehre schon lange nicht mehr gesehen. Und ich vermisse sie tatsächlich, und, wenn ich ihre freudigen Gesichter richtig deute, als sie mich sehen, ging es ihnen ähnlich. Einige sagen das sogar, ganz direkt. Wie schön!

Dann feiern wir Andacht, für jede Klasse, ganz individuell. Wir bauen unsere Kirche auf, aus Kreuz, Kerze und Klangschale statt Glockenturm.

Steine legen wir vor den improvisierten Altar, für die Dinge, die schwer wie ein Stein auf dem Herzen lagen wegen Corona. Und Blumen stellen wir in eine Vase, für all das Schöne, das trotz Corona war. Zum Beispiel mehr Zeit zum schlafen, spielen, mit den Eltern reden. Aber auch das fällt schon wieder weg, weil alle wieder in die „Normalität“ zurück wollen. Doch normal ist eigentlich gar nichts mehr. Und vielleicht ist das gut so!

Die Dinge, die wirklich wichtig waren, die uns über die Zeit geholfen haben, fallen wieder weg. Die Anrufe bei den Einsamen, das füreinander sorgen, das achtsame Miteinander umgehen, das langsam machen und Zeit haben. Jetzt sollen wir wieder alle „funktionieren.“ Wenn alles nur noch auf das angeblich wichtigste, systemrelevante reduziert ist, fallen diese leichten, sanften, zarten Dinge weg. Nur noch harte Fakten bleiben, systemrelevante Fächer wie Mathe und Deutsch werden unterrichtet, nur noch strenge Regeln, um das System am laufen zu halten. Es ist Selbstzweck geworden. Die gerade noch systemrelevanten Berufe wie Verkäufer, Pfleger, Lieferanten, auch Künstler (!), die man in der Krise noch lobte und versprach, besser mit ihnen umzugehen, sie werden schon wieder an den Rand gedrängt.

Der Sinn des Unterrichtens, der Sinn von Lernen in Gemeinschaft, der Sinn einer Schule, die einen ganzen Menschen heranbilden soll, ist ad absurdum geführt, reduziert aufs Funktionieren und Leisten. Was für ein verzerrtes Menschenbild, was für ein verzerrter Mensch kann da heraus kommen?

Darum eilen wir von der Kirche den Menschen nach, halten sie am Ärmel fest und erinnern sie: „Hey, hast du nicht DAS WICHTIGSTE vergessen?“ Kirche To Go: Nehmt euch das wirklich wichtige auf den Weg mit!

Die Kinder kriegen zur Erinnerung daran, dass sie Gott all ihren Sorgen und Freuden erzählen können, ein kleines Holzkreuz mit. Der Gott, bei dem ich ganzer Mensch sein darf, bei dem ich nichts leisten muss, um meine Existenz zu rechtfertigen, der Gott, bei dem ich willkommen bin.

Der Gott, der das Sanfte und Zarte liebt und behütet. Kein Wunder, dass wir diesen Gott nur noch leise verkünden dürfen. In einer Zeit, in der alle blind funktionieren wollen und sollen, ist dieser Gott ein echter System-Sprenger!

Seien auch Sie „Kirche To Go:“ egal wohin Sie gehen, schätzen Sie das sanfte, zarte, system-IR-relevante! Erinnern Sie sich an das wirklich Wichtige.

Ihre Pfarrerin Birgit Schiel

PS

Nicht alle Menschen in unserer Gemeinde haben Internet. Wir legen daher in unseren Kirchen zu jedem Erscheinungstag ausgedruckte Exemplare in unsere Kirchen und falls Sie es einem Nachbarn oder einer Nachbarin mit einem kleinen Gruß in den Briefkasten stecken möchten, können Sie es sich gerne als PDF herunterladen und ausdrucken.

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