Begabt sein heißt geben

Pfr. Martin DubberkeLiebe Geschwister, erinnert Ihr Euch noch an Heilig Abend als wir aufgrund der Ausgangssperre nicht die Christmette miteinander feiern konnten? Erinnert Ihr Euch noch daran, als sie uns im vergangenen Jahr verboten haben, Gottesdienste zu feiern? Als wir uns als Kirche aus guten Gründen darauf eingelassen haben, nicht zu widersprechen?

Es gab viele Menschen, die es traurig fanden und finden, nicht in den Gottesdienst gehen zu können, die noch immer sagen, dass wir damals als Kirche eingeknickt seien, die uns das nachtragen und wohl noch lange nachtragen werden.

Es war für viele schlimm, Ostern nicht groß und fröhlich in der Kirche feiern zu können oder halt jetzt zu Weihnachten, als man sich anmelden musste und wir so wenige in den Gottesdiensten waren wie wohl nie zuvor in unserer Geschichte. In Partenkirchen hatten wir insgesamt etwa 10 Prozent der Besucherinnen und Besucher des Vorjahres.

Ich erlebe, wie so manche Kolleginnen und Kollegen, die ich schon lange kenne und, mit denen ich ins Gespräch komme, ob dieser Situation resignieren. Ich jedoch nicht. Warum? Das kann ich Euch mit Hilfe von Paulus und seinem Römerbrief verraten:

 

Das Leben als Gottesdienst 

Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Die Gnadengaben im Dienst der Gemeinde

Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt, sondern dass er maßvoll von sich halte, wie Gott einem jeden zugeteilt hat das Maß des Glaubens. Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied. Wir haben mancherlei Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Hat jemand prophetische Rede, so übe er sie dem Glauben gemäß. Hat jemand ein Amt, so versehe er dies Amt. Ist jemand Lehrer, so lehre er. 8 Hat jemand die Gabe, zu ermahnen und zu trösten, so ermahne und tröste er. Wer gibt, gebe mit lauterem Sinn. Wer leitet, tue es mit Eifer. Wer Barmherzigkeit übt, tue es mit Freude.         

Römer 12, 1-8 

Tja, in all der Aufregung, Sorge, Furcht haben wir scheinbar vergessen, was der eigentliche Gottesdienst ist. Und vielleicht hat jetzt schon der eine oder die andere von Euch erkannt, weshalb es gute Gründe gab, dem Verbot der Gottesdienste in unseren Kirchen nicht zu widersprechen, weil nämlich der eigentliche Gottesdienst ganz woanders stattfindet und es Gott nicht gefallen kann, wenn wir unsere Geschwister in Gefahr bringen, nur weil wir einem Recht beharren. Die Pflicht der Nächstenliebe steht über allem Recht.

Diese acht Verse aus der Feder des Paulus reißen uns auf andere Weise aus unserer Selbstverständlichkeit heraus und lenken unseren Blick auf einige sehr zentrale Fragen, die sich nicht nur der römischen Paulus-Gemeinde gestellt haben, sondern, die auch für uns heute von brennender Aktualität sind und vielleicht sogar noch brennender als zu Paulus Zeiten. Diese acht Verse sind eine Anfrage an unsere Kirche, an unsere Gemeinde und in erster Linie an uns als Christinnen und Christen.

  • Wenn unser Leben ein Gottesdienst sein soll, was bedeutet das dann für mein eigenes Leben?
  • Was bedeutet das für die Welt, in der ich lebe?
  • Was bedeutet das für unsere Kirche, unsere Gemeinde in Zeiten von Corona?
  • Was bedeutet das für unsere Gottesdienste?

Was bedeutet das z.B. für unsere Online-Gottesdienste? Sind diese dann nicht so gesehen vollkommen überflüssig, weil schon unser Leben ein Gottesdienst ist?

  • Und was ist dann der Gottesdienst in unserer Gemeinde?
  • Welche Aufgabe hat er dann?
  • Was sagt nun Paulus dazu?

Was bedeutet, den eigenen Leib als ein Opfer hinzugeben, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist?

Was meint Paulus damit, dass wir uns der Welt nicht gleichstellen sollen, dass wir unseren Sinn erneuern sollen und prüfen sollen, was Gottes Wille ist?

Gut, darauf gibt Paulus eine Antwort:

  • das Gute
  • das Wohlgefällige
  • das Vollkommene

Wahnsinn! Was ist das Vollkommene? – Fragen über Fragen. Was so einfach bei Paulus daherkommt und den Klang des Selbstverständlichen hat, rüttelt uns heute auf und hinterfragt unser Selbstverständnis von Kirche und Christsein. Paulus stellt die Frage nach unserer Existenz in dieser Welt. Paulus nötigt uns, Position zu beziehen oder mit anderen Worten: zu bekennen.

Und kaum, dass er das mal so in zwei Versen auf den Tisch gelegt hat, gibt er uns auch gleich einen entscheidenden Hinweis, was das in der Praxis, in der Lebens- und Glaubenspraxis bedeuten kann. Paulus bindet nämlich den Gottesdienst und den Dienst in der Gemeinde zusammen. Und ganz wichtig ist hier, dass er das nicht nur auf die eigene Gemeinde bezieht, sondern den Blick nach außen hin weitet, wenn er sagt, dass wir uns nicht der Welt gleichstellen sollen. Wir sollen es in dieser Welt nämlich anders machen als der Rest.

Das bedeutet auch, dass wir in unserem Leben nicht allein auf unsere evangelisch-lutherische Kirchengemeinde bezogen leben, sondern in der Gemeinschaft aller Christinnen und Christen in dieser Welt, in der Gemeinschaft, die sich immer da zu erkennen gibt, wenn Menschen sagen, dass sie das, was sie tun als Christinnen und Christen tun.

Und das Verrückte daran ist, dass sich dem keine und keiner entziehen kann. Niemand kann sagen “Das kann ich aber nicht“, weil jede und jeder von Gott begabt worden ist. Jeder von uns ist von Gott mit Gaben beschenkt worden. Das wiederum bedeutet, dass niemand der Gemeinde seine Gaben vorenthalten darf, weil er damit seiner Gabe nicht gerecht würde und vor Gott so wäre wie derjenige, der sein Pfund vergraben hat, damit es nicht verloren gehe. Wer das tut, enthält der Gemeinde, der Welt, der Schöpfung und allem Vorrang Gott etwas vor.

Es wird deutlich, dass Gemeindesein nicht konsumieren bedeutet, sondern mittun. Gemeinde ereignet sich also, wir Gottesdienst stattfindet, also Gott gedient wird. Und das ist der sonntägliche Gottesdienst am aller wenigsten. Er dient insofern Gott, als dass ich hier eine Kraftquelle finde, die Zurüstung für meinen Gottesdienst im Leben erfahre, Gott lobe, danke, bekenne und gestehe.

Und so kann Gemeinde nur funktionieren, wenn jeder seinen Dienst, seinen Gottesdienst macht, wenn jeder seinen Leib hingibt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Und Leib bedeutet Leben. Das bedeutet, dass jeder sein Leben in den Dienst Gottes stellt. Und, dass das auch damals schon keine Selbstverständlichkeit war, machen uns die einleitenden Worte von Paulus deutlich: Ich ermahne euch nun… Paulus musste seine Leute ermahnen. Ich frage jetzt mal nicht warum, aber ich vermute, weil denen das damals auch schon schwer gefallen ist und wohl nicht alle bei der Stange geblieben sind.

Also, lebendige Gemeinde zeichnet sich nicht durch die Zahl der Sonntagsgottesdienste aus oder die Gottesdienstbesucherzahlen, sondern allein durch die Vitalität des Leibes und seiner Glieder. Und jedes Glied hat seine Gaben.

Ich nehme hier mal als Beispiel unsere Bücherei, für die wir heute u.a. kollektieren. Über vierzig Menschen aus unserer Gemeinde machen da mit. Da gibt es welche, die haben die Gabe der Leitung und Organisation, andere toll vorzulesen und mit Kindern zu arbeiten, wieder andere schreiben hervorragende Buch-Rezensionen, andere wieder haben die Gabe des technischen Verständnisses und organisieren die IT der Bücherei. Und alle haben sie die Gabe des Anpackens. Schaut ruhig einmal beim Gemeindehaus vorbei. Da kann man schon sehen, wie fleißig die alle gewesen sind. Und was hat das jetzt mit Gemeinde zu tun? Unsere Bücherei ist ein ganz wichtiger Ort in unserer Gemeinde, wir ermöglichen einen Zugang zur Literatur und Kultur, auch denen, die sich vielleicht keine Bücher leisten können. Wir schaffen einen Ort der Begegnung und des Austausches. Unsere Bücherei und ihr tolles Team lösen Begeisterung für Bücher bei den Menschen aus. Bildung und Kultur schaffen Gemeinschaft. Und so ist unsere Bücherei nicht nur ein Bildungsangebot, sondern auch ein missionarischer Ort und unterm Schlussstrich auch ein diakonisches Angebot. Achtung! Diakonie heißt dienen. Es ist also ein dienendes Angebot.

Und damit bin ich schon beim nächsten Beispiel. Wir haben hier hinter der Kirche unsere Tafel. Das ist auch ein diakonisches Angebot, wo sich jeden Tag Gottesdienst ereignet. Weil Menschen, um anderen Menschen zu helfen, Lebensmittel organisieren. Auch da haben wir Menschen mit den unterschiedlichsten Gaben, mit der Gabe der Leitung, des Organisierens, der Freundlichkeit, der Zugewandtheit, des Fahrens, des Anpackens und vielem anderen mehr. Jede und jeder, der da mitmacht, ist Teil eines großartigen Gottesdienstes.

Und so könnte ich die Beispiele in unserer Gemeinde immer weiter fortsetzen, wo sich jeden Tag Gottesdienst ereignet, wo Menschen – zuweilen ohne es zu ahnen – miteinander Gottesdienst feiern.

Hier wird Gemeinde sichtbar. Was aber ist mit der unsichtbaren Gemeinde?

Wir sind heute neun Besucher im Gottesdienst. Wo sind die anderen 4700 Gemeindemitglieder? Was ist mit der unsichtbaren Mehrheit? Wenn das Zusammenkommen im sonntäglichen Gottesdienst gewissermaßen der Ort des Auftankens, der Zurüstung ist, sind die anderen dann nicht erschöpft vom täglichen Gottesdienst? Brauchen sie keine Zurüstung, kein Aufrütteln und Mutmachen?

Habe ich vorhin noch die Frage gestellt, was mit dem Willen Gottes gemeint sein, was mit dem Guten, Wohlfälligen und vor allem Vollkommenen gemeint sei, liegt die Antwort ja nun eigentlich auf der Hand. Das Gute, das Wohlgefällige und Vollkommene, an dem die Erfüllung des Willens Gottes deutlich wird, ist der Einsatz unserer gottgegebenen Gaben. Hat jemand die Gabe zu ermahnen und zu trösten, so tröste und ermahne er. Hat jemand die Gabe zu lehren, so lehre er und so weiter.

Das „so“ macht deutlich, dass der so Begabte keine andere Wahl hat. Job ist eben Job. Wir sind als Christinnen und Christen halt nicht nur Mitbürger im Reich der Liebe Gottes, sondern auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Tja, und damit stellt sich Euch und mit heute in besonderem Maße die Frage:

  • Welche Gabe habe ich?
  • Wo bringe ich sie ein?
  • Oder: Warum bringe ich sie nicht ein?

Halten wir noch einmal fest: Der eigentliche Gottesdienst beginnt nicht um 10:30, sondern wenn am Ausgang die Glocken läuten. Die läuten nämlich nicht am Ende des Gottesdienstes, sondern am Anfang des eigentlichen Gottesdienstes. Der eigentliche Gottesdienst findet außerhalb der Kirchenmauern statt, wenn wir die Kirche verlassen haben. Und genau an dieser Stelle liegt die Sollbruchstelle. Es gibt ja bei den Wunderhornliedern das wunderbare Lied über die Fischpredigt des Antonius zu Padua:

 

Antonius zur Predigt
Die Kirche find’t ledig!
Er geht zu den Flüssen
und predigt den Fischen!
Sie schlag’n mit den Schwänzen!
Im Sonnenschein glänzen!
Im Sonnenschein, Sonnenschein glänzen,
sie glänzen, sie glänzen, glänzen!

 

Die Karpfen mit Rogen
seynd all’ hierher zogen,
hab’n d’Mäuler aufrissen,
sich Zuhörn’s beflissen!
Kein Predigt niemalen
den Fischen so g’fallen!

 

Spitzgoschete Hechte,
die immerzu fechten,
sind eilend herschwommen,
zu hören den Frommen! 

 

Auch jene Phantasten,
die immerzu fasten:
die Stockfisch ich meine,
zur Predigt erscheinen.
Kein Predigt niemalen
den Stockfisch so g’fallen.

 

Gut Aale und Hausen,
die vornehme schmausen,
die selbst sich bequemen,
die Predigt vernehmen!

 

Auch Krebse, Schildkroten,
sonst langsame Boten,
steigen eilig vom Grund,
zu hören diesen Mund!
Kein Predigt niemalen
den Krebsen so g’fallen!

 

Fisch große, Fisch’ kleine,
vornehm’ und gemeine,
erheben die Köpfe
wie verständ’ge Geschöpfe!
Auf Gottes Begehren
die Predigt anhören!

 

Die Predigt geendet,
ein Jeder sich wendet.
Die Hechte bleiben Diebe,
die Aale viel lieben;
die Predigt hat g’fallen.
sie bleiben wie allen!

 

Die Krebs’ geh’n zurücke,
die Stockfisch’ bleib’n dicke,
die Karpfen viel fressen,
die Predigt vergessen, vergessen!
Die Predigt hat g’fallen
sie bleiben wie Allen, die Predigt hat g’fallen, hat g’fallen!

 

Kaum, dass wir die Kirche verlassen haben, passen wir uns wieder der Welt da draußen mehr und mehr an, um da draußen nicht unterzugehen. Unterm Schlussstrich ist es aber so, dass wir und die Welt untergehen werden, wenn wir uns der Welt da draußen und nicht Gott anpassen. Und genau das meint Paulus, wenn er seinen Römern ins Gewissen schreibt: 

Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Die Welt ist Ausdruck dafür, wie sehr das Verhältnis der Menschen zu Gott gestört ist. Da reicht in dieser Woche als Beispiel einfach mal der Blick nach Washington, der Sturm auf das Capitol. Der Hass in den Stimmen und Gesichtern dieser Menschen haben mich erschreckt, zeigen sie doch, was im sogenannten Otto Normalbürger steckt, wenn er aufgeputscht und instrumentalisiert wird.

Man stelle sich nur vor, diese Menschen wären zur Liebe aufgeputscht worden. Mindestens fünf Menschen würden jetzt noch leben. So gesehen sind Menschen wie Trump eher solche, die ihre Gaben, die sie haben, nicht für, sondern gegen Gott einsetzen, weil sie sie zu ihrem eigenen Willen und Vorteil einsetzen. Das ist genau der Aspekt, den Paulus wie folgt beschreibt:

 Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt, sondern dass er maßvoll von sich halte, wie Gott einem jeden zugeteilt hat das Maß des Glaubens.

Nicht auszudenken, was möglich gewesen wäre, wenn ein Mensch Trump seine Gaben genau in diesem Sinne genutzt hätte, wenn diese Gabe, andere Menschen in Bewegung setzen zu können, Teil des Gottesdienstes gewesen wären, wenn nach dem gefragt und gehandelt worden wäre, was Paulus in Vers 2 schreibt:

 Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Und damit stellt sich noch eine andere Frage: Kann man Gott gegenüber seine Gaben nicht nur vorenthalten, sondern sie auch missbrauchen?

Was wäre mit der Erneuerung des Sinnes alles möglich? Und damit bin ich bei einem wesentlichen Aspekt des sogenannten Sonntagsgottesdienstes angelangt, der nicht nur Kraftquelle ist, sondern auch eine Art Boxenstopp, wie ich mal irgendwo gelesen habe. In einem Boxenstopp gibt es z.B. neue Reifen. Und so kann im Gottesdienst am Sonntag auch eine Erneuerung des Sinns stattfinden, wenn ich unter der Woche vielleicht doch nicht so richtig auf der Bereifung war und mich vielleicht doch an der einen oder anderen Stelle der Welt gleichgemacht habe.

Dann ist gewissermaßen ein Glied des Körpers krank. Und wenn ein Glied am Körper nicht funktioniert, dann gerät der Körper aus dem Gleichgewicht und schlussendlich ins Trudeln.

Mit der Erneuerung des Sinnes erinnert uns Paulus an unsere Taufe: „Du bist mein liebes Kind, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Und diese Erinnerung findet hier im Gottesdienst statt. Ich brauche also für den Gottesdienst da draußen den Gottesdienst hier drinnen.

Wir brauchen eine Gemeinschaft, in der wir uns gegenseitig stärken. Im Miteinander können wir unsere Gaben erkennen, gebrauchen und einüben, um sie dann auch außerhalb dieser Gemeinschaft zum Einsatz bringen zu können.

Und wie gesagt, mit Leib meint Paulus das Leben, unsere ganze Existenz. Das bedeutet Gottesdienst nach der Formel 7 mal 24, also rund um die Uhr an allen sieben Tagen der Woche.

Paulus hat damals seine Leute zu Außenseitern in einer Mehrheitsgesellschaft gemacht: Stellt Euch dieser Welt nicht gleich. Mit dieser Mahnung, sich nicht mit der Welt gleichzustellen, macht Paulus uns heute deutlich, dass wir als Christenmenschen wieder Außenseiter in einer Mehrheitsgesellschaft sind, auch wenn wir zwar noch viele Mitglieder in der Kirche sind, aber die Gesellschaft ist schon ganz anders.

Mit anderen Worten: Das hat sich bis heute nicht geändert. Diese Herausforderung, sich nicht der Welt gleichzumachen, gilt uns auch heute noch. Noch heute müssen wir uns dieser Herausforderung stellen und erliegen viel zu oft dieser Gefahr.

Der getaufte Mensch gehört Paulus zu Folge nicht mehr sich selbst. Es gilt also, sich das heute noch einmal vor Augen zu halten und sich die Fragen zu stellen und zu beantworten, was es für mein Leben bedeutet, nicht mehr mir selbst, sondern Gott zu gehören.

Wie wirkt sich das auf mein Leben und Handeln aus? Und gegebenenfalls auch die Frage: Warum fällt es mir so schwer, das für mein Leben zu akzeptieren?

Und das wiederum ist der Moment, in dem das Thema Demut ins Spiel kommt. Hier könnte man trefflich über die Zwölf Stufen der Demut bei Benedikt nachdenken. Aber das tun wir ein anderes Mal.

Und damit komme ich noch einmal auf den Anfang meiner Predigt zurück. Die Erinnerung an die Gottesdienste, die aufgrund der Corona-Regeln nicht stattfinden konnten und die Gottesdienste, die anders sind als wir es gewohnt sind. Ja, viele vermissen den Gesang und die Gemeinschaft. Aber zugleich können wir miteinander realisieren, dass Christsein nicht konsumieren heißt, sondern geben. Das Geben der Gaben, die wir von Gott erhalten haben.

Christsein heißt aktiv sein. Gemeinschaft erleben, heißt, sie zu leben und nicht zu nehmen, heißt Gemeinschaft zu geben.

Wie anrührend war es für mich, als mich zu Silvester nur wenige Minuten nach Mitternacht eine Frau aus unserer Gemeinde anrief und ohne Gruß und Ankündigung ein Segenslied sang. Was für ein besonderer Moment von Gemeinschaft.

Wir können auf so vielfältige Weise Gemeinschaft schenken und erleben. Auch das durfte ich in dieser Woche wieder erleben, als ich die Fromme Mittagspause hatte und Teilnehmerinnen aus Partenkirchen, aus Garmisch und sogar aus Nürnberg dabei waren. Jede und jeder von uns saß dort, wo er gerade zu Hause seinen Rechner hatte und wir aßen miteinander zu Mittag und sprachen dabei über Gott und die Welt. Wir erlebten miteinander Tischgemeinschaft und eine Teilnehmerin, die nicht aus ihrer Corona-Einsamkeit ausbrechen konnte, erlebte Gemeinschaft, andere Menschen, etwas, das sie seit Monaten nicht mehr erlebt hatte, andere Menschen, die ihr zuhörten und die ihr Mut machten. Also, wenn das kein Gottesdienst war, dann weiß ich es auch nicht.

Und das, was ich gerade erzählt habe, kann jede und jeder von uns: anrufen, miteinander ratschen, ja, auch miteinander singen und beten, einem anderen Zeit von meinem Leben zu schenken und dabei wieder selbst beschenkt zu werden.

Und der Gottesdienst am Sonntag könnte dann der Ort sein, an dem ich dankbar dafür sein kann, was mir geschenkt wurde und was ich anderen schenken durfte. Dann ist der Gottesdienst in der Kirche der Ort des Dankes, der Kraft, der Erkenntnis, der Erneuerung des Sinns.

Mit anderen Worten: Den eigentlichen Gottesdienst kann uns niemand verbieten und jede und jeder, der sich darüber aufregt, hat noch nicht erkannt, was wirklich Gottesdienst ist. Gottesdienst ist der Dienst, den jeder von uns Gott gegenüber an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr schuldig ist.

Amen.

Pfr. Martin Dubberke, Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias, 10. Januar 2021 über Römer 12, 1-8, Perikopenreihe III, in der Erlöserkirche Grainau und der Johanneskirche in Partenkirchen