ANgeDACHT - Ganz bei Sinnen - end-lich frei sein

Pfr. Hanns-Martin HagerWir sind durch und durch sinnlich. Als Kinder hören, riechen, schmecken, tasten und sehen wir uns ins Leben hinein. Noch diesseits von Sprache und Gedanke entdeckt der kleine Mensch mit Hilfe der fünf Sinne seinen Lebensraum aus Vertrautem im Fremden, aus Vorlieben und Abneigungen. Allein die Sinne vermitteln uns zu Beginn unseres Lebens auf ganz unmittelbare Weise unseren Lebensrahmen zwischen Grenze und Freiheit. Momentan ziehen staatlich angeordnete Maßnahmen enge Grenzen. In essentiellen Bereichen des öffentlichen Lebens werden Menschen nach wie vor hinter Masken gezwungen, obwohl es so unsinnig wie unhygienisch ist.

Kinder spüren intuitiv, dass sie endlich frei sind. Ungezügelte Lebensfreude, Ekstase und Versenkung im zeitlosen Spiel bis die Sinne die Endlichkeit erfahrbar machen und Grenzen setzen: der heiße Ofen, der - einmal berührt – zur schmerzhaften Grenzerfahrung führt; der Geschmack des Salzigen als Grenze zum Ungenießbaren; sinnlich Grenzen erleben. Etwas später schieben sich Worte, Zahlen und Werkzeuge zwischen die fünf Sinne und die Welt. In der Schule bekommen wir das logische Denken beigebracht. Computer und virtuelle Welten halten Einzug ins Bewusstsein. Techniken und Medien machen das Künstliche real. Mit dem Mausklick agieren wir uns aus. Die künstlichen Füllhörner der Supermärkte mit der Unendlichkeit des Warenangebotes verdecken die Endlichkeit der lebendigen Quellen auf raffinierte Weise. Hand auf’s Herz: Was erleben wir wirklich selber? Wirklich und real: Zwei scheinbar synonyme Worte, die gegensätzlicher nicht sein können: Wirklich ist das, was wir sinnlich wahrnehmen durch unmittelbares Schauen und Lauschen. „Wirklich ist, was wirkt“ – diese lebendige Erkenntnis des Philosophen Hegel droht im Zeitalter der Realität umzukippen in das, was uns „real life“ auf unzähligen Fernsehkanälen als künstliches Produkt so alles präsentiert wird. Real ist das, was das viel gepriesene Denken des Menschen auf der Flucht vor seinem Verlorensein geschaffen hat, um der Wirklichkeit zu entfliehen. Hinein in eitle Scheinwelten, vom „Dschungelcamp“ bis „Germany’s next Topmodel“.

Doch unser leibliches Empfindungsspektrum lässt sich weder täuschen noch auf Dauer begrenzen, vor allem nicht hinter obrigkeitlich verordneten Masken. Es braucht von Zeit zu Zeit notwendig die unzensierte Erfahrung des Sinnlichen. Der Körper hat seine eigene Kontoführung der gelebten wie der ungelebten Vitalität. Wenn wir zu sehr ins Minus geraten, meldet sich irgendwann das ganz persönliche Dispolimit. Dann müssen die Bedürfnisse nach Essen, Trinken, Spielen und Bewegen gestillt werden, abseits der kommerziellen Brennpunkte: den Duft des eigenen Gartens einsaugen, in den ganz persönlichen Oasen das Leben sinnlich genießen, hinaus in die kleinen Fluchten rennen, im sommerlichen Bergsee baden.

Genießen Sie, und zwar langsam und zeitverschwenderisch. Das muss nicht gigantisch sein. Das rechte Maß zwischen Lust und Unlust gilt es herauszufinden - entdecken, was einem gut und was weh tut. Da gibt es keine Faustregeln und Patentrezepte. Barfuß durch eine Wiese, im Frühtau zu Berge oder einfach beim Grillen ein frisches Bier zapfen und in etwas Herzhaftes reinbeißen. Mit anderen Worten: Ganz bei Sinnen endlich frei sein. Dafür ist der Sommer da.

Hanns-Martin Hager


 

PS

Nicht alle Menschen in unserer Gemeinde haben Internet. Wir legen daher in unseren Kirchen zu jedem Erscheinungstag ausgedruckte Exemplare in unsere Kirchen und falls Sie es einem Nachbarn oder einer Nachbarin mit einem kleinen Gruß in den Briefkasten stecken möchten, können Sie es sich gerne als PDF herunterladen und ausdrucken.

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