Das Wort zum Sonntag

Polizeidienst als christliche Nächstenliebe / Auf die verbrecherischen Schüsse auf eine Polizistin im Münchener Großraum reagiere ich mit Entsetzen und Empörung. Als ich diese Zeilen schreibe, weiß noch niemand, ob die junge Frau ihre Kopfverletzungen überlebt, und ob sie wieder vollständig genesen wird. Vor wenigen Wochen wurde ein Brandanschlag auf ein Polizeigebäude in Weilheim verübt. Neulich berichtete eine Polizistin im Fernsehen, dass Männer, die aufgrund ihrer undemokratischen Tradition Frauen nicht als gleichberechtigt ansehen, sich von Polizistinnen nicht kontrollieren und kritisieren lassen wollen.
Zum Glück tritt gerade bei uns in Bayern die Mehrzahl der Menschen der Polizei mit Achtung gegenüber. Jedoch nimmt das respektlose und aggressive Verhalten zu. Aus christlicher Sicht ist die Arbeit unserer Polzisten ein Einsatz, der in ganz besonderer Weise dem Gebot christlicher Nächstenliebe entspricht, gerade in dieser Zeit der Bedrohungen auch durch den islamistischen Terrorismus. Wer Aggressoren und Mörder bekämpft und stoppt, der rettet und schützt Leben und handelt damit zutiefst christlich. Es ist moralisch zulässig, Waffen einzusetzen, wenn dadurch Leben gerettet wird. Hätten die Polizisten beim jüngsten Terroranschlag in London nicht so schnell und zielsicher ihre Waffen gegen die terroristischen Verbrecher eingesetzt, hätte es noch erheblich mehr Tote gegeben. Das Grundbekenntnis der lutherischen Reformation, deren 500. Jubiläum wir heuer feiern, sagt im Artikel CA 16, dass „Christen im staatlichen Dienst ohne Sünde“ Waffen gegen Übeltäter einsetzen dürfen. Dabei vollbringen unsere Polizisten ihren Dienst täglich unter Lebensgefahr. Als Christen sollten wir also unseren Beamten mit Dankbarkeit und Hochachtung begegnen und sie unterstützen.
Dazu zählt es, Verständnis aufzubringen bei nächtlichen Alkoholkontrollen, aber auch bei den zeitweiligen Straßenkontrollen (zum Beispiel in meinem Gemeindegebiet) in der Nähe unserer Staatsgrenze. Und dann möchte ich Sie ermutigen, beispielsweise bei einer Großveranstaltung wie einem Konzert oder dem Oktoberfest, einmal einer Polizistin oder einem Polizisten, die dort Dienst tun, um Anschläge zu verhindern, ausdrücklich zu sagen: „Danke, dass Sie für uns/zu unserem Schutz hier sind.“

Wolfgang Scheel, Evangelischer Pfarrer in Mittenwald

Garmisch-Partenkirchner Tagblatt, 17.6.2017